Sankt Teresa von Kalkutta

F.A.Z., Dienstag den 30.08.2016 Feuilleton 11

Sankt Teresa von Kalkutta

Indien feiert die bevorstehende Kanonisierung der vor knapp zwei Jahrzehnten verstorbenen Mutter Teresa. Die Ordensfrau wirkt in diesen Tagen wie eine Integrationsfigur der Nation, doch Kritik gibt es auch.

KALKUTTA, Ende August

Indien, vor allem Kalkutta, fiebert einem Großereignis entgegen, das sich in weiter Ferne abspielen wird: der Kanonisierung von Mutter Teresa in Rom. Indische Katholiken haben in den letzten Jahrzehnten mehrere Heiligsprechungen erlebt, die das Selbstbewusstsein der kleinen Minderheit von rund zwei Prozent gehoben haben. Aber keine wird ihr so wichtig wie jene am 4. September. Denn es handelt sich um eine Frau, die weltberühmt vor erst neunzehn Jahren gestorben ist, deren Wirken also noch zahllose Menschen erlebt haben, um die sich Geschichten und Ereignisse ranken, die die Probleme und Themen unseres heutigen Lebens widerspiegeln. Für Indien ist Mutter Teresa eine total Heutige.

Die Ordensfrau wirkt in diesem historischen Augenblick wie eine große indische Integrationsfigur. Die Chefministerin von Westbengalen, der Chefminister von Delhi und die indische Außenministerin fliegen nach Rom, um der Heiligsprechung beizuzwohnen. Alle drei sind Hindus, die eine katholische Heilige ehren, die ihrerseits unter Hindus und Muslimen wie unter Christen gewirkt hat. Die auflagenstärkste bengalische Tageszeitung, die „Ananda Bazar Patrika“, veröffentlichte eine große Beilage voller lobender Artikel bekannter Persönlichkeiten. Dass Indien gerade in dieser Zeit eine solch einigende Persönlichkeit notwendig braucht, zeigt ein Blick auf die rechtsradikale Szene der Hindu-Fundamentalisten rund um die Regierungspartei Bharatiya Janata.

Mutter Teresas „Heiligsprechung“ begann im Grunde schon zu Lebzeiten. Man nannte sie die „Heilige der Gossen“, und viele verehrten sie entsprechend. Auch die Schwestern und Brüder ihres Ordens, der „Missionare der Barmherzigkeit“ (Missionaries of Charity), hielten sich nicht zurück, die Gründerin als Heilige darzustellen, verteilten Bildchen, Spruchkarten und Medaillons. Nach ihrem Tod im Jahr 1997 wurde Mutter Teresa mit Sondererlaubnis der Stadt Kalkutta nicht auf einem Friedhof, sondern in einem großen einfachen Sarkophag im Mutterhaus des Ordens beigesetzt. Seitdem erscheint täglich ein Menschenstrom im Mutterhaus, der einen regelrechten Heiligenkult veranstaltete. Dazu passte es auch, dass ein Museum mit Fotos aus dem Leben von Mutter Teresa im Nebenraum eingerichtet wurde.

Diese dem indischen Temperament durchaus entsprechende Verehrung zog von jeher aber auch heftige Gegner an. Man kann deren Kritik in folgenden Punkten zusammenfassen: Erstens erhielten die Kranken und Sterbenden in Mutter Teresas Häusern nicht genug und keine professionelle ärztliche Hilfe. Zweitens habe Mutter Teresa von den Reichen und Mächtigen, auch von Diktatoren, Geld und Sachhilfe angenommen und diesen Menschen dadurch zu unberechtigtem Ansehen verholfen. Drittens hätten Mutter Teresa und ihr Orden eine Leidensmystik gepredigt, die nicht die Gesundung der Patienten zum Ziel hat. Viertens habe Mutter Teresa ihre Patienten bekehrt oder zu bekehren versucht. Fünftens habe Mutter Teresa durch ihr weltweites öffentliches Wirken der Großstadt Kalkutta zu deren schlechtem Ruf verholfen.

Alle diese Kritikpunkte haben eine gewisse Berechtigung. Doch muss man die Grundsituation des Ordens bedenken, um zu einem gerechten Urteil zu kommen. Die Schwestern entstammen einem traditionell christlich-frommen Milieu, das in Indien noch vorherrscht, aber auch im Schwinden ist. Sie besitzen selten eine gute Schulbildung und werden im Orden hauptsächlich spirituell, weniger fachlich ausgebildet. Mutter Teresa sah als wichtigstes Merkmal ihrer Ordensmitglieder deren Fähigkeit zur liebenden Zuneigung zu Armen und Kranken. Die Wirklichkeit sieht so aus, dass sich junge Frauen mit besserer Schulbildung in der Regel anderen Orden anschließen, in denen sie die in Indien verachtete Handarbeit für Kranke und fürs leibliche Wohl der Armen nicht ausüben müssen. Mutter Teresas Orden ist also auf weniger gebildete Gesellschaftsschichten angewiesen. Die Schwestern besitzen begrenzte Fähigkeiten zum Management ihrer Häuser. Eine anspruchsvolle medizinische Versorgung wäre für sie schon organisatorisch eine allzu große Herausforderung.

Ihre einfache, sozial wie politisch unreflektierte Lebensweise hat Mutter Teresa den erwähnten Vorwurf eingebracht, dass sie mit den Mächtigen paktiere. Sie hat sich all jenen zugewandt, die ihr finanziell helfen wollten, und achtete nicht auf deren Motive. Sie war politisch naiv und verstand nicht, dass die richtige Politik auch das Los der Armen ändern kann. Ebenso verstand sie sich nicht als Sozialrevolutionärin. Das führte dazu, dass sie im Licht der Öffentlichkeit stets an der Seite der Regierenden und Mächtigen zu sehen war. Ihr Antrieb war der unmittelbare Helfensimpuls: Wo immer die Armen, hilflos Kranken und Sterbenden leben, dort wollte die Ordensfrau sie abholen und ihnen in ihren Häusern ein würdiges Leben und Sterben geben.

Dieser Ansatz überzeugt, weil diese Armen nicht warten können, bis sich die sozialen Verhältnisse gewandelt haben. Rehabilitation, Ausbildung von Armen und dergleichen würde die Schwestern und Brüder des Ordens überfordern. Allerdings mussten sich Mutter Teresa und ihr Orden den Vorwurf gefallen lassen, durch ihre spontane Hilfe die sozialen Verhältnisse zu zementieren, statt sie aufzubrechen. Mutter Teresa setzte bei Wandlung auf die Kraft der Liebe.

Von Kritikern ist die Leidensmystik immer wieder hervorgehoben worden. Die Kranken und Sterbenden sollen ihren Schmerz um Christi willen annehmen, Leiden sei etwas Wertvolles. Grundsätzlich sei dazu gesagt, dass auch Christen das Leiden nicht lieben können und sollen. Sie können es allenfalls als unausweichlich annehmen. Dieser subtile Unterschied verwischt sich manchmal in der Mentalität von Orden, die mit so viel Schmerz und Not konfrontiert werden. Ähnlich verhält es sich mit dem Vorwurf der Bekehrung. Grundsätzlich habe ich bei den vielen Begegnungen mit Schwestern und Brüdern des Ordens keine systematischen Bekehrungsversuche festgestellt. Es gibt allerdings auch nicht den methodischen Versuch, die Sterbenden durch deren eigenen Glauben zu stärken und zu trösten. Wenn es also zu religiösen Gesprächen und Handlungen kommt, sind sie christlich geprägt. Wenn sich Patienten aus Dankbarkeit dem Christentum zukehren, vielleicht sogar um die Taufe bitten, ist dies jedoch eine private Entscheidung, die sich Kritik entzieht.

Der Chor jener, die Mutter Teresa vorwerfen, sie habe Kalkutta einen schlechten Ruf verschafft, ist zurzeit verstummt, denn sie soll als Ikone der Barmherzigkeit gefeiert werden. Statuen werden aufgestellt, Konferenzen veranstaltet, eine Briefmarke wird herausgebracht. Nur ein Kritiker ist unermüdlich dabei, sich über Mutter Teresa auf allen möglichen Podien aufzuregen: Aroup Chatterjee, ein bengalischer Arzt, der seit einigen Jahrzehnten in England praktiziert. Er führt seit langem zusammen mit dem inzwischen verstorbenen Christopher Hitchens den Schwarm der Kritiker an. Chatterjees Buch „The Final Verdict“ ist in diesem Jahr unter dem Titel „The Untold Story“ neu erschienen. Man muss nur einige Seiten dieses Buches lesen, um festzustellen, dass es ihm nicht um Wahrheitsfindung geht, sondern um die Rechtfertigung seiner aggressiven Vorurteile. Nicht Mutter Teresa schadet dem Ruf Kalkuttas, sondern die Mehrheit des städtischen Mittelstandes, der sich nur um die Hebung des eigenen Lebensstandards kümmert und keinen Sinn für die Not und den Überlebenskampf der Armen zeigt.

Mutter Teresa und ihrem Orden kann man eine unmoderne, sogar antimoderne und antiintellektuelle Allgemeinhaltung vorwerfen. Der Orden und seine gesellschaftliche Bewegung sollen gar nicht in die Gesellschaft integriert werden. Dies könnte von der Priestergemeinschaft geleistet werden, die sich um den Orden formiert hat. Doch auch sie besitzt, soweit man sieht, keine kreativen und intellektuellen Führungspersönlichkeiten. Im Namen der Armut und Einfachheit arbeitet der Orden weitgehend ohne Computer, Internet, Mobiltelefone und Fernsehen. Als der Orden im Zug des Seligsprechungsprozesses aus allen Ländern Material über die Gründerin sammelte, standen im Mutterhaus von Kalkutta mehrere Computer, die von Schwestern bedient wurden. Danach verschwanden die Computer wieder.

Dass Kommunikationswege auch notwendige Quellen des Wissens und der Menschenkenntnis erschließen, die der Orden für seine Sorge um die Armen brauchen könnten, wird nicht akzeptiert. So leben die Orden und lebte Mutter Teresa in einer hermetischen Frömmigkeit, die sich nicht nach außen erklären will, obwohl sie gerade für die Außenwelt bestimmt ist. Dies ist eine Quelle von Missverständnissen und Reibungen.

Schon zu Mutter Teresas Lebzeiten hätte der Orden einer Person bedurft, die Ideale und Ziele des Ordens in der Öffentlichkeit interpretiert. Der Ruhm der Ordensfrau wird mit dem Zynismus der Kritiker beantwortet. Abhilfe würde eine gründliche und ausgewogene Biographie bringen. Doch bis jetzt gibt es nur die frommen, hagiographisch gefärbten Biographien und die einseitig kritischen Bücher und Artikel.

Beide Seiten haben bisher nicht versucht, Mutter Teresas Korrespondenz mit priesterlichen Begleitern in ihr Selbstverständnis einzufügen. Diese Briefe wurden unter dem Titel „Komm, sei mein Licht“ (2007) veröffentlicht und erregten weltweit Aufsehen, weil Mutter Teresa immer wieder über spirituelle Dunkelheit und Trockenheit klagte, was dem Image der heiteren heiligen Frau widerspricht. Auch in den Essays zur Feier der Kanonisierung blieben sie erstaunlicherweise beinahe unerwähnt.             MARTIN KÄMPCHEN

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