Indien und Deutschland im kulturellen Dialog (“Meine Welt”)

Indien und Deutschland im kulturellen Dialog

Erfahrungen und Reflexionen

von Martin Kämpchen

In: Meine Welt Herbst 2012

Es ist bekannt, daß Deutschland und Indien eine besondere kulturelle Affinität besitzen. Die Menschen beider Länder verbindet eine starke emotionale Veranlagung. Die Emotionalität, die intuitive, nicht-rationale Kraft, die den indischen Alltag bestimmt, fällt einem Besucher in Indien als erstes auf. Auch im deutschen Charakter besteht diese Veranlagung. Der deutsche Idealismus und die deutsche Romantik haben die Intuition und die nicht-rationalen Kräfte des Menschen aufgewertet. Naturliebe, besonders die Liebe zum Wald, das Wandern, Freundschaft, Gottesglaube, Freiheit, Gemeinschaftsgefühl wurden als Ziele gesetzt. Periodisch wurde diese Veranlagung besonders ausgeprägt: Zuerst in der Romantik zu Beginn des 19. Jahrhunderts, danach am Anfang des 20. Jahrhunderts, nämlich vor und nach dem Ersten Weltkrieg, und schließlich in den 1960er Jahren, als die Hippie- und Blumenkinderbewegung blühte. Der Nationalsozialismus war ebenfalls eine emotional-irrationale Phase, jedoch mit einem fehlgeleiteten Werte-Idealismus.

In beinahe jeder dieser romantisch-emotionalen Phasen der Deutschen hat Indien eine dominierende Rolle gespielt. Die Romantiker haben Indien in ihrer Phantasie als „Wiege der Menschheit“, als Gegenentwurf zur europäischen Zivilisation gepriesen. Ihr Indienbild entstand durch die Lektüre der heiligen Schriften der Hindus und die Berichte früher Indienreisenden. Als Anfang dieses Jahrhunderts Indien immer mehr, auch von erfahrenen Schriftstellern, bereist wurde, konnte das Indienbild konkreter und differenzierter werden. Der Nationalsozialismus hat sich offiziell von Indien aus rassistischen Gründen distanziert, wenn auch das Konstrukt des „Ariers“ Assoziationen mit Indien herstellte. Die Hippie-Phase besaß starke Beziehungen zu Indien, Hippies waren Indien-Reisende und vorwiegend unkritische Bewunderer von Land und Leuten. Im Wesentlichen war Indien nur die Folie zu ihrer Selbst-Entdeckung und ihrem Narzissmus. Bis in unserer Zeit bleibt ein Substratum romantisch-naiver Zuwendung, die bis zur kritikunfähigen Bewunderung alles „Indischen“ gehen kann.

Viele deutsche Intellektuelle distanzieren sich aber auch von Beziehungen zu einem Land, dessen Appell und Anziehung so stark von Emotionen durchsetzt ist. Sie mögen solche schwer fassbaren Beziehungen als „unseriös“ hinstellen. Denn moderne Menschen wollen „transparente“ und rational strukturierte Beziehungen pflegen. Vor allem in Deutschland haben die Menschen nicht selten Angst vor starken Gefühlen, weil es ihnen wichtig ist, sich „in der Kontrolle“ zu  halten. Ihnen erscheint Indien, in dessen Alltag so zahlreiche Abläufe emotional, irrational sind, eher unheimlich und abschreckend. Schon Goethe wehrte sich gegen die Übermacht ungeordneter Gefühle, die er in den indischen Tempelplastiken abgebildet empfand. Gern sieht man in deutschen Indien-Freunden abwertend „Schwärmer“, vor denen man sich distanziert.

 

Lernt eine indische Sprache!

Im Gegensatz zum 18. und dem Beginn des 19. Jahrhunderts, hat die überwiegende Mehrheit der Indien-interessierten Deutschen, die den Dialog zwischen den beiden Ländern vorantreiben, Indien bereist und besucht das Land immer wieder. Meine Erfahrung ist, daß ein Indienbesuch die Menschen spaltet – in jene, die aufgrund ihrer Erlebnisse eine starke Affinität zu Indien entdecken und diese Affinität auch in Deutschland weiterpflegen, und in jene, die sich abgestoßen fühlen – von Armut und Überbevölkerung, von Hitze und Lebensweise – oder sich Indien nicht gewachsen fühlen und darum nicht mehr zurückkehren und kein Interesse für Indien pflegen.

Die Gründe für diese Affinität werden unterschiedlich beschrieben. Viele haben eben mit der Emotionalität des indischen Volkes zu tun, mit ihrer Lebensunmittelbarkeit, Direktheit, mit der Einfachheit und Natürlichkeit ihres Lebensstils (auf dem Land), der Farbenpracht und der ungeordneten Lebensvielfalt und dem organischen Chaos der Menschenmengen, mit dem starken Familienzusammenhalt und natürlich mit der tiefen Religiosität. Ins Spiel kommen aber auch Mitleid mit den Armen, die Hilfsbereitschaft und der Wunsch, dem Land auf unterschiedliche Weise zu Verbesserung der Lebensqualität zu verhelfen.

Eines der wesentlichen Hindernisse auf dem Weg, die empfundene Affinität zu Indien weiter zu entwickeln, das Land tiefer zu verstehen, ist die Sprachbarriere. Ich habe mehrere Jahre in West-Bengalen und Südindien gelebt, bevor ich mich entschloss, eine Sprache zu lernen, und zwar Bengalisch. Der Unterschied im Verständnis Indiens ist dramatisch. Die Sprachkenntnis machte es mir möglich, auch mit einfachen Menschen (die kein Englisch sprechen) zu verkehren und in ihren mentalen, emotionalen und sozialen Lebensumkreis einzudringen. Die Sprache lehrte mir auch zu erfassen, wie die Menschen denken und empfinden, wie sie ihre äußere und innere Welt erleben und reflektieren. Die Vertiefung des Verständnisses war so eklatant, daß ich allen Menschen, die einen Dialog mit Indien suchen, zurufen möchte: Lernt zuerst eine indische Sprache!

Daß dies nur für wenige Menschen realisierbar ist, liegt auf der Hand. Die Anstrengungen, die auch einem sprachlich Hochbegabten abverlangt werden, um eine der schwierigen indischen Sprachen zu lernen, scheinen, von außen gesehen, nicht im Verhältnis zum Gewinn zu stehen. Darum wenden sich die meisten Menschen anderen „Sprachen“ Indiens zu, nämlich den klassischen Musik- und Tanztraditionen, die zu verstehen und schätzen zu lernen weit weniger mühsam ist. Allerdings verführt eine solche Entscheidung zur Oberflächlichkeit. Auch das Eindringen in indische klassische Musik und in den klassischen indischen Tanz bedarf nicht nur eines gesammelten Hör- und Seherlebnisses. Allein dieses einfache, unvorbereitete, ursprünglich erfahrene Erlebnis kann empfängliche Menschen tief in den Bann ziehen, nämlich durch das Zusammenschwingen der eigenen intuitiven Kräfte mit dem Bühnenwerk. Doch der Kosmos dieser Kunstformen hat auch seine Regeln und Strukturen, die zu kennen, das Kunsterlebnis auf eine intensivere Erlebnisstufe hebt.

Der Dialog soll nicht auf der Ebene des Folkloristischen stecken bleiben. Viele Kulturinstitutionen in Deutschland begnügen sich mit dieser Ebene der Kulturvermittlung. Gewiß haben sie recht, ihre Vermittlung indischer Kultur auf ein breiteres Publikum auszurichten, nicht nur auf die ausdrücklichen Indien-Freunde. Doch diese Ebene offenbart nur einen Teil der Reichtümer indischer Kultur.

Identitätssuche und Kulturdialog

Die deutsch-indischen Kulturbeziehungen werden nicht durch ein koloniales Erbe belastet, nicht durch wirtschaftliche Großmachtsucht, nicht durch gegenseitige Forderungen in Lebensstil-Fragen. Die Kulturbeziehungen könnten sich also eigentlich frei entfalten. Das Image Deutschlands in Indien und jenes von Indien in Deutschland ist positiv besetzt, manchmal, wie gesagt, bis zur unkritischen Bewunderung. Das Image beider Länder ist jedoch von Klischees nicht frei, die nur durch eine langfristige differenzierte und ausgewogene Informationspolitik aufgebrochen werden können. Diese Informationspolitik kann nicht nur von den Regierungen und ihren Kulturinstitutionen, sondern muß gerade von unabhängigen Organisationen betrieben werden.

Vor allem leidet das Image beider Länder unter einem engen Blickwinkel, der wegen der großen geographischen Entfernung kaum zu vermeiden ist. So erscheinen die Länder als merkwürdig geschichtslos im jeweils anderen Land. Zum Beispiel: Auch gebildete Inder verstehen kaum, warum in Deutschland das Dritte Reich Hitlers als eine dunkle Periode gilt, warum die deutsche Bevölkerung Wiedergutmachung und Sühne sucht und Wege, um eine ähnliche Katastrophe zu vermeiden. Umgekehrt verstehen Deutsche nur schwer, warum Inder höchst empfindlich auf Themen wie Kolonialismus, Missionierung, die einseitige Hervorhebung der Armut, der Korruption, der Bildungs- und Gesundheitsmisere reagieren. Betonen die eigenen Zeitungen nicht eben diese Themen Tag für Tag? Die Probleme, die aus der Teilung des indischen Subkontinents entstanden sind – also das angespannte Verhältnis zu Pakistan, die unruhige Lage in Kaschmir, kann in Deutschland nur schwer nachvollzogen werden. Diese Problemherde definieren aber zu einem Teil die indische Psyche. Darum muß der Kulturdialog auf solche Empfindlichkeiten Rücksicht nehmen, auch wenn der Partner die Empfindlichkeiten des anderen nicht deutlich verstehen kann.

Indien stellt sich gern als zukünftige Wirtschaftsmacht, als Technologie- und Internetland vor, preist seine ethnische und kulturelle Vielfalt an und blendet die Negativseiten bei jedem dieser Aspekte aus. Indien ist noch nicht selbstbewußt genug, auch die Schwierigkeiten in der Gesellschaft gegenüber dem Ausland zuzugeben und deutlich zu diskutieren. Das beeinflußt auch die Kulturbeziehungen, auch wenn die genannten Themen meistenteils nichts mit Kultur zu tun haben. Anderseits kann Deutschland nicht ungezwungen und ausreichend die Schwierigkeiten mit seinen Migranten darstellen, seine Arbeitslosigkeit, seine Probleme mit Nichtseßhaften und Drogenabhängigen, die schwache Bilanz in der Ökologie und im Klimaschutz.

Deutschland sieht auch nicht ohne weiteres ein, daß die Armut in Indien und in Deutschland andere Maßstäbe hat. In Indien ist jemand, der auf dem Boden schläft, mit der Hand ißt, barfuß geht und keine eigene Strom- und Wasserzufuhr hat, nicht automatisch „arm“. Materielle Werte oder ihr Mangel bestimmen zu stark das Indienbild Deutschlands. Darin liegt ein Stolz der Deutschen und Europäer, der auf wirtschaftlicher Überlegenheit aufbaut und gern eine kulturelle Überlegenheit projiziert. Man spricht von einem „Kulturkolonialismus“. Sich vor solchen Denk-Automatismen zu hüten, ist eine der wichtigen Aufgaben der Kulturmanager Deutschlands. Beide Länder haben also ein Identitätsproblem, was gerade in die Kulturbeziehungen hineinwirkt und es schwierig macht, freie Diskurse zu führen.

 

Dialog als Lernprozess

Es sollte zu den Aufgaben der Kulturbeziehungen gehören, nicht nur die Mainstream-Kultur eines Landes vorzustellen, sondern auch, was bedeutend schwieriger ist, die subalterne Kultur, die „kleinen Traditionen“. Das bedarf einer großen Kenntnisbreite der Kulturschaffenden, Bescheidenheit und größtmögliche Freiheit von Komplexen. Der Kulturdialog sollte sich für kulturelle Themen und Ideen, die abseits des Bekannten und Üblichen liegen, kämpferisch einsetzen, bewußt wenig Bekanntes und häufig Unterdrücktes darstellen und zur Diskussion anbieten. Es müssen kreative Spannungen, auch Streitgespräche möglich sein. Kulturbeziehungen sollen Lernprozesse in der Bevölkerung entfachen und zur Persönlichkeitsbildung der beteiligten Personen beitragen. Das ist mehr als eine banal verstandene „Völkerverständigung“ und „Toleranz“.

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