Die Reise zum Berg Kailasch (Vortrag)

[Dies ist das überarbeitete Manuskript eines Vortrags in der Deutsch-Indischen Gesellschaft,  Aachen]

Die Reise zum Berg Kailasch

von Martin Kämpchen

Vom Reisen und Pilgern. – Zum häufigen und langen Reisen fehlte mir bisher nicht nur das Geld sondern auch die Neigung. Ich sehe den Wert des Reisens nicht in seiner Ausführlichkeit, seinen Entfernungen, in der Vielzahl der besuchten Orte, sondern immer eher darin, wie intensiv das Erlebnis war, wie stark es mich geprägt und beeinflusst hat in meiner übrigen, also sesshaften, Lebenszeit. Mir wurde klar, daß die Intensität und Nachhaltigkeit der Reise-Erlebnisses nichts mit Entfernungen und der Vielzahl der Reiseorte, sogar wenig mit dem objektiv Interessanten und Ungewöhnlichen zu tun hat. Intensiv und nachhaltig werden Reisen für mich, wenn sie im richtigen Rhythmus von Verweilen und Reisen, von Arbeit und Entspannung, von Sammlung auf das Gewohnte und das Öffnen auf Neues stattfinden. Sie müssen in den Lebenszusammenhang passen.

Zu diesem richtigen Reisen gehört auch die Fähigkeit, immer wieder an denselben Ort zurückkehren zu wollen, anders gesprochen: die Fähigkeit, “magische” und “heilige” Orte zu entdecken, um von ihrer belebenden Kraft immer wieder zu schöpfen. Hier ist nicht das Neue belebend, sondern im Gegenteil das Immer-Alte, das Urgestein, das sich einem nicht im Nu mitteilt, sondern nach und nach. Zum Reisen gehört, was man in Indien sādhanā nennt: die Einübung, die Askese. Darum ist es notwendig, großzügig mit dem zu sein, womit man am ehesten geizt: mit der Zeit. Nur wer sich Zeit lässt, kann an Einübung denken, nur wer langsam reist, kann erleben, aufnehmen und behalten und schließlich sich erinnernd das Erlebte integrieren. So betrachtet, ist die Urform allen Reisens die Fußwanderung. Und für uns Heutige, die wir uns in Flugzeug, Auto und Zug überall bequem verfrachten lassen, gibt es keinen glücklicheren Entschluss, als dort zu reisen, wo kein Zug, kein Auto hinkommt – allenfalls der demütig-dämliche Esel, das ruppige Pferdchen, der geduldig-gleichmütige Ochse und das launig-sture Yak – sodann der Wanderer und der Pilger.

Auf dem indischen Subkontinent ist ursprünglich nur die Pilgerreise bekannt gewesen. Tourismus ist eine Erfindung des Westens, ebenso sind es seine Vorformen, etwa die Bildungsreise und die Wanderjahre der Handwerksgesellen. Erst in den letzten Jahrzehnten sind in Indien durch Einflüsse aus Europa Reiseagenturen entstanden und preiswerte Hotels, und Familien aus der Mittelschicht reisen von Zeit zu Zeit, um sich andere Landschaften und Städte anzuschauen. Der Markt sorgt für Touristenziele, die der Kaufkraft dieser Schicht entsprechen. Meist sind es trotzdem heilige Räume, die sie aufsuchen: Jedenfalls werden es indische Touristen nicht versäumen, die Tempel zu besuchen, die heiligen Berge zu besteigen, die sich auf ihrer Route befinden.

In Asien ist die Pilgerschaft noch häufig von den Mühen und Risiken geprägt, die man ursprünglich mit dem Pilgern verbindet. Viele Europäer schreckt das ab, sie lassen sich nur auf kalkulierbare Reise-Erlebnisse ein. Andere zieht gerade dieses Risiko an. Oft rechnen sie allerdings nicht mit geistigen Erfahrungen, sondern sie suchen das sinnenhafte,  physische Abenteuer und das sportliche Kräftemessen.

Als wir im September/Oktober 2001 die Reise zum heiligen Berg Kailasch unternahmen, wurde mir der Gegensatz von einerseits dem Kräftemessen des Bergsteigers und des “Trekking” – und andererseits einer Pilgerschaft bewusst. Diese Reise führte in Gebirgsregionen von Nepal und Tibet, die man nur zu Fuß erreichen kann. Bis nach Simikot, einem isolierten Bergort in dem äußersten Nordwesten Nepals brachte uns ein 20-Sitzer-Flugzeug. Wir landeten rumpelnd und Staub aufwirbelnd auf einer steinigen Piste. Von dort wanderten wir durch das Karnali-Tal über streckenweise schwierige, steile, gefährliche Pfade fünf Tage lang aufwärts. Je höher wir kamen, desto seltener wurden die Dörfer, desto karger wurde die Vegetation, bis nur dürres, hartes Gras übrig blieb. Am letzten Tag überquerten wir den Narala-Paß, der rund 4500 Meter hoch ist, und standen, kaum daß wir die Paßmulde, von pfeifend-kaltem Wind begleitet, passiert hatten, vor der kahlen Bergwelt Tibets.

Diese extremen äußeren Bedingungen reizten viele Mitglieder der Gruppe zu sportlichem Ehrgeiz. Sie wollten schnell und stark sein und dadurch eine Bestätigung vor sich selbst und den anderen zu haben. Die Schwierigkeit des Weges treibt diesen Ehrgeiz aus den Menschen heraus. Wohl nur innerlich gefestigte Menschen können diesem Sog widerstehen und gesammelt, demütig den Weg nur gehen, weil er und soweit er auch geistig stimmig ist, und allenfalls den Mitpilgern in ihren Schwierigkeiten und Schwächen beistehen. Häufig wurde in der Gruppe von “Grenzerfahrungen” gesprochen. Gemeint waren die körperlichen Anstrengungen in ungewöhnlicher Höhe und die daraus sich entfaltenden geistigen Zustände. Ich sah die Grenzerfahrung vor allem darin, daß diese Reise unseren wahren Charakter auf oft erschreckende, aber auch wunderbare Weise bloßstellte. Jeder stand unmittelbar sich selbst gegenüber. Dies war ein nicht unwesentliches Ergebnis dieser Reise.

Auch andere Umstände der Reise machten mir die Bedingungen der echten Pilgerschaft deutlich. Begleitet wurden wir von Lasttieren, von Trägern und Treibern sowie von Küchenpersonal. Ungefähr kam auf je ein Mitglied unserer deutsch-österreichischen Gruppe eine Begleitperson und ein Tier. Nur mit diesem beträchtlichen Aufwand schien eine solche Pilgerreise in Asien für Europäer zu bewältigen zu sein. Zwar verzichteten wir einerseits auf moderne Transportmittel wie Motorfahrzeuge und Züge, aber andererseits beanspruchten wir Menschen und Tiere für uns. Eine “Luxusfußreise” also? Was die Unterstützung durch dienstbare Menschen und Tiere und das Material betrifft, war es eine Luxusreise, die nur möglich war, weil Menschen und Tiere vergleichbar so billig waren.

Ohne diese ungleiche Behandlung der Menschen wäre die Reise nicht durchführbar gewesen. Wir Europäer waren mit Trekking-Kleidung und Bergschuhen bestens ausgerüstet, wie schliefen in Zweierzelten und trugen nur einen Rucksack mit der Tagesverpflegung. Unsere Mahlzeiten hatten europäischen Standard. Im Gegensatz dazu waren die Begleiter ärmlich ausgestattet, die Träger und Treiber schliefen in Kälte und Tau im Freien, schleppten oft schwere Lasten auf dem Rücken und nahmen schlichtere Nahrung zu sich. Mich schmerzten diese Unterschiede sehr, die gerade eine Pilgerschaft vermeiden sollte, bemüht sie sich doch, eine Harmonie von Menschen, Natur und Gott herzustellen.

Zweierlei wurde mir allerdings im Laufe dieser Wochen klar: einmal, daß diese nepalesischen Bergmenschen unseren Komfort weitgehend nicht brauchen. Sie sind widerstandsfähiger und waren besser auf die Reise vorbereitet als wir. Trotzdem blieb der Stachel dieser Ungleichheit, die erstaunlicherweise von der Gruppe fraglos hingenommen wurde. Zweitens, mir wurde bewusst, daß dieser Komfort für die europäische Gruppe lebenswichtig war. Die körperlichen Strapazen der Reise waren so enorm, daß bei weniger günstigen Reisebedingungen viele Mitglieder der Gruppe gescheitert wären. Ohnehin wurde etwa die Hälfte mindestens einmal krank, einschließlich unserer beiden Führer, und fünf mussten mit einem Hubschrauber nach Kathmandu zurückgeflogen werden. Die Alternativen scheinen zu sein: entweder aufwendig nach Tibet zu reisen – oder gar nicht.

Das drängte mir die Frage auf: Warum wollen wir zu Orten pilgern, die mit einfachen Mitteln nicht erreichbar sind? Gibt es nicht überall, auch in Indien, auch in Europa, Pilgerziele, die ohne Aufwand zu erreichen und dabei ebenso heilig und im eben beschriebenen Sinne “magisch” sind? Häufig fühlte ich mich als ein Pilger, der in Bezirke eindringt, die für ihn nicht geschaffen sind, die er sich dennoch arrogant durch teuren Aufwand erobert. Was auf Hybris folgt, wissen wir aus der Mythologie. Daß man sich diesen Aufwand leisten kann, scheint also die wesentliche Qualifikation unseres Pilgerdaseins zu sein. Die Unstimmigkeit ist evident.

Was bedeutet Pilgerschaft vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen? Pilger, auch jene, die in einer Gruppe wandern, sind zunächst wesentlich einsame Menschen. Sie müssen allein den Weg weitergehen, Schritt für Schritt, den sie begonnen haben. Ein Zurück ist kaum möglich, auch keine Abkürzung und kein Ausweichen. Der Weg und das Ziel sind vorgezeichnet. Die Pilger müssen ihre Ängste bezwingen, damit ihnen nicht der Mut, die seelische Kraft, die innere Sicherheit schwinden. Diese existenzielle Einsamkeit des Weges können sie nur in der Hoffnung auf die Kraft überwinden, die ihnen vom Ziel her zuwächst.

Und eine weitere Anmerkung: Wer nicht die Harmonie von Menschen, Natur und Gott sucht, erlebt die Pilgerreise nur äußerlich. Zur Pilgerschaft gehört die Nächstenliebe, die sich einbringt, wo immer sich die Gelegenheit anbietet. Dazu gehört, daß man sich in der größtmöglichen Einfachheit der Mittel einübt, daß sich die Pilger der Natur anvertrauen und mit ihr “zusammenarbeiten”. Nur diese Einfachheit (die offensichtlich bei europäischen Pilgern anders aussieht als bei nepalesischen und tibetischen) schafft die innere Offenheit zum Erlebnis der Pilgerschaft.

 

Die bewehrte Kuppe. – Der Berg Kailasch in Tibet wird von Buddhisten, Hindus, Jainas und Sikhs als heilig verehrt. Nach der Vorstellung der Hindus hat Gott Siva dort seinen Wohnsitz. Der Kailasch ist nicht hoch. Obwohl er die höchste Erhebung im Halbrund des Horizonts ist, wirkt er nicht imposant und dominierend, sondern eher bescheiden. Der Kailasch hat keine Spitze und keine Kanten. Oben schließt er sich zu einer brei- ten Kuppe, die das gesamte Jahr über schneebedeckt bleibt. Wie ein dicker Kragen legen sich gerippte Steilwände von Westen nach Osten um den Fuß der Kuppe. Durch sie wirkt die milde Kuppe bewehrt, uneinnehmbar. Dieses Zusammenspiel von abweisender Schroffheit und anziehender Rundung macht den Reiz des Berges aus. Die Schroffheit schützt die Rundung – im Kontrast zur Rundung wirken die steilen Felswände erst so abweisend.

Tatsächlich hat niemand diese Wohnung Gottes je bestiegen. Es heißt, als vor Jahren die chinesische Regierung europäischen Bergsteigern die Erlaubnis zur Besteigung gegeben hatte, protestierten Indien und andere Länder so entschieden, daß die Erlaubnis zurückgezogen werden musste. Hindu-Pilger wollen nämlich den Berg nicht “einnehmen”, indem sie ihn besteigen. Stattdessen umrunden sie ihn, sie wandern am Fuß des Berges entlang, über einen schwierigen Fußweg von mehreren Tagen Dauer. Die Kuppe ist “heiliger Raum” per se, er darf nicht einmal barfuß, nicht einmal nach Riten der Rei- nigung und der Weihe betreten werden. Einerseits feiert er den Unterschied zwischen Gott und Mensch und anderseits setzt er unter Androhung schwerer Konsequenzen diesen Unterschied.

Die Vorstellung, daß es Orte auf der Welt gibt, die kein Mensch betreten hat, kein Mensch je betreten darf, lässt an Moses und den Berg Tabor denken. Moses bestieg den Berg Gottes und kehrte, für sein Leben gezeichnet, zurück. Zu überwältigend war der Unterschied zwischen Mensch und Gott. Technik, Zivilisation, die Spuren der Menschheit sind also doch nicht allgegenwärtig. Einige Orte sind davon ausgenommen, der Kailasch ist einer von ihnen. Hat er darum noch Kraft und Anziehung, ist noch nicht ausgesaugt von den Fußsohlen, Berührungen, Blicken, von Gefühlen und Gedanken – von dem Menschlichen …?

 

Unser Pilgerweg von Nepal nach Tibet. – Der Anstieg zum Narala-Paß geschah in geschlossener Gruppe: eine lange, dichte Schlange, die sich den Berg aufwärts wand, als hätten die Menschen plötzlich Angst vor der Höhe und brauchten Menschennähe, als ließe sich freier atmen, wenn man das Atemrasseln des Vorder- und Hintermenschen hören konnte. Nicht aus dem Schritt kommen, damit der Hintere dem Vorderen nicht in die Hacken tritt, nicht die Stöcke in die Beine stößt, immer den Blick auf den Weg vor sich halten. Kleine Schritte machen, bewusst atmen, bewusst einatmen, bewusst ausatmen und wieder ein und wieder aus, und kleine Schritte dazu… Wie lange wird es dauern? Drei Stunden, hatte der Bergführer gesagt.

Die erste Ruhepause kam rascher als erwartet. Wir saßen in der Mulde zusammen, tranken Tee aus unserer Flasche und knabberten Traubenzucker oder an den letzten Kraftschnitten aus Europa. Die zweite Ruhepause kam, als wir schon vor uns den Paß erkennen konnten und die brennendblaue Luft dahinter. Schon fuhr der Wind aus Tibet durch den Paß ins Tal und drohte, uns den Atem wegzureißen. Die nächste Stunde kämpften wir nicht mit dem Anstieg, sondern gegen den Wind. Es war Geröll, über das wir marschierten, das unter unseren Tritten nachgab, da war nur Geröll und kein Strauch zum Festhalten mehr und kein Gestrüpp und nicht einmal der rötliche Hauch des Heidekrauts. Da war die blendend graue Farbe der Steine, auf die wir schauten, gewaltsam angemalt von der unaufhaltsamen Sonne in einem Himmel, der mit jedem Schritt kräftiger und freier und mitleidlos größer wurde. Niemand sprach ein Wort, sogar der Bergführer blieb stehen, um auf den Stöcken gestützt, den Oberkörper nach vorn gebeugt, tief und gellend auszuatmen?

Oben war ein großer Haufen mit Steinen, hineingesteckt Schnüre mit bunten Wimpeln, ein Zeichen buddhistischer Andacht, sonst war nichts Menschliches dort oben.

Noch fünfzig Schritte weiter, warf sich der Horizont mit überirdischer Wucht gegen das leere Blau. Erschüttert blieb jeder stehen. Der Blick auf Tibet!

Wahnsinnslandschaft, Wahnsinnslandschaft… Ich war fünfzig Schritte weitergegangen und dann hingesackt. Da hockte die gesamte Gruppe und war still. Der Bergführer konnte nichts erklären. Was sich vor den Augen auftat, sprach deutlich für sich. Bläulich-rosa-gelblich getönte, wie Perlmutt schimmernde weißlich-graue Berge, durchfurcht und in Falten geworfen und geädert, NACKT, erschreckend nackt: Tibet.

Das ist ein riesiger Haufen Sand! flüsterte jemand. Andere flüsterten, aber der Wind riß ihnen die Stimmen vom Mund weg, gegen den Wind kam niemand an, das heilige Erschrecken angesichts dieser Nacktheit war nicht zu betäuben.

 

Wir nähern uns. – Die Gruppe überquerte die Grenze von Nepal nach Tibet am Karnali-Fluß und bestieg dort einen scheppernden Bus, zwei Lastwagen und zwei Jeeps. Die Fahrzeuge waren aus Lhasa, also aus über tausend Kilometern Entfernung, herbeichauffiert worden. Die nepalesischen Träger und Tiertreiber blieben zurück. Nur eine Handvoll, etwa das Küchenpersonal, begleitete uns weiterhin. Über halsbrecherisch unebene Sand- und Geröllpisten fuhren wir nun über das tibetische Hochland. Erste Station war die Garnisonsstadt Purang, in der es von chinesischem Militär wimmelte. Wir bezogen eine widerlich verdreckte, stinkende Pilgerherberge, in der wir unser bisheriges Zeltlagerleben in freier Luft am Ufer des Karnali-Flusses schätzen lernten. Doch bekamen wir reichhaltiges chinesisches Essen in den Restaurants, auch dünnes Lhasa-Bier. Wir schlenderten an chinesischen Kinos, Discos und Puffs vorbei; alles, was zum “lustigen Soldatenleben” auf der Etappe gehörte, war da.

Am nächsten Tag fuhr der Bus im Karacho weiter durch die Kuhlen und Löcher, über die Wellen und Buckel, die Menschen flogen von ihren Sitzen hoch und wurden niedergerissen. Wir ratterten am Rakastal-See vorbei, der sich links ausstreckte und der Bergführer ließ anhalten, um von den unglückbringenden, dämonischen Eigenschaften dieses Sees zu erzählen. Er sei der Mond, das böse Auge, die dunkle Seite, während der Manasarovar-See die Sonne, das gütige Auge, die helle Seite des Lebens symbolisiere. Der Manasarovar-See begann nach einer Viertelstunde Fahrt rechterhand zu schimmern, gleichzeitig erhob sich wie ein zierlicher Kinderdaumen am Horizont geradeaus die Schneekuppe des Berges Kailasch. Er war die einzige Erhöhung am Horizont. Wir rumpelten und schaukelten zum Ufer des Sees. Bei über 4,500 Meter Höhe und heftigen Windböen dauerte es lange, bis die Zelte standen.

Der Wind raste zum See hin, den Staub nahm er mit und warf sich aufs Wasser und peitschte es auf. Das weite Wasser, am Horizont schemenhaft von Hügeln umgrenzt, war aufgepeitscht und doch in seiner Weite unnahbar still, lebhaft blau war es am Ufer, wurde dunkeltiefblau zur Mitte und ewigtiefgrün zum Horizont hin und verschwand danach in die Schatten der Hügel. Diese weite Wasserfläche – eingefangen in den trockenen Steinen, dem durstigen Sand – wie ein gnädiges Auge in seiner knöchernen Höhle. Unter Hindus gilt der Manasarovar als der himmlische See. Auch ich bin von ihm gefangen. Sein stilles Wasser verwandelte sich tagsüber allmählich von einem tiefen Flaschengrün zu einem blendenden Azurblau. Die umgebenden Hügel schimmerten wie Perlmutt und spiegelten sich in vielen Farbschattierungen und Lichtbrüchen im Wasser. Der See – unberührt. Kein Haus und keine Hütte, kein Baum und kein Strauch an seinem Ufer, kein Boot, kein Fischer auf seiner Oberfläche.

Eine kleine Flotte Entchen im Uferwasser, dieser rostrote Fungus über den Ufersteinen, ein paar schreiende schwarze Vögel, die wild im Wind aufstiegen und kippten. Das war alles, was lebte. Doch, und die großen Haufenwolken, die großartig durchs Blau trieben und großartige Schatten über die schimmernden Hügel scheuchten.

Der heulende Wind reizte die Nerven, als es dunkelte. Im flatternden, knatternden Zelt liegen und im Schlafsack abwarten, bis es überm Kopf davonstob – oder bis der Wind nachließ, oder bis man vom Toben und Rattern so eingelullt war, daß die Nerven nicht mehr reagierten? Im Essenszelt abends merkwürdige Stille. Gesellige Munterkeit konnte den Wind nicht knebeln.

Von dem Pilgerdorf Darchen wanderte die Gruppe einen Tag bis zu einem einsamen westlichen Seitental. Dort schlugen wir die Zelte auf.

 

Angekommen! – Frühmorgens schimmert der Kailasch aus einem inneren Licht wie Kristall. Unvermittelt steigt die breite Schneekuppe aus den rostbraunen Felswällen heraus. Nicht als erhebe sie sich aus der Erde, nicht als habe sie ihren festen, breiten Grund und würde von Fels und Gestein emporgehoben und hochgehalten. Es ist als schwebe die Kuppe in der Bläue des Himmels. Denn diese Einheit von Felswällen und Schneekuppe bleibt unsichtbar, unentdeckbar. Die gerippte weiße Kuppe mit einer leichten Kerbe, die von der Mitte abwärts verläuft, ist die Eichel eines Phallus. Es sei Sivas Berg, sagen die Sivaiten, es sei Vishnus Berg, sagen die Vishnuiten, es sei Buddhas Berg, sagen die Buddhisten. Es ist ein Fruchtbarkeitssymbol. Es ist Symbol der Göttlichen Kraft. Es ist Berg Meru, der aus den Urwassern herausstieg.

Mir wurde klar, daß kein Mensch den Kailasch besteigen kann, weil er schwebt, weil er schwimmt, weil er von der Erde abgehoben in einer anderen Sphäre besteht. Wie glücklich dürfen wir sein, ihn von hier unten dort oben, dort fern zu schauen. Das muß genügen. Das ist das Äußerste und vielleicht schon zu viel! Man soll sich nicht ins Heilige hineindrängen. Gut, daß der Kailasch nicht erklommen werden kann. Gut, daß sein Schnee unberührt bleibt.

Ich entschloss mich, nicht mit den anderen die heilige Umkreisung der Kailasch-Pilger zu unternehmen. Ich blieb zusammen mit den Lastwagen- und Jeepfahrern und einer Anzahl Nepalesen im Zeltlager zurück. Ein Koch und einige Vorräte wurden zurückgelassen.

Ich wollte hier sitzen bleiben, das genügte mir, das war mehr als die Umrundung. Einer: Jetzt bist du schon so weit und machst in der Zielgraden schlapp.

Aber es ist kein Wettrennen, sondern eine Pilgerreise.

Als die Gruppe abgezogen war, setzte ich mich auf einen großen Stein neben dem Rinnsal und schaute auf den Kailasch. Es befriedigte mich, das Heilige von dieser südwestlichen Seite anzuschauen. Anstatt es in wechselnden Perspektiven und vielgestaltigen Ansichten ständig neu zu erleben. Nicht schon wieder etwas tun, wandern, pilgern, mich anstrengen; nicht wieder Veränderung und Abwechslung. Nicht vergleichen, von welcher Stelle das Heilige beeindruckender aussieht.

Ist das Heilige einmal erfasst, soll man dabei bleiben. Immer neues, andersartiges Erfassen führt nicht tiefer und macht nicht glücklicher.

Sitzen, schauen und die umfangende Angst und Faszination spüren, die das strenge Symbol des Heiligen auslöst. Und diese Angst und Faszination aushalten und selbst umfangen. Ja, das war‘s. Hier sitzen und mich weder rühmen, eine bessere Wahl getroffen zu haben, als die anderen, die die Füße bewegen, noch bedauern, diese anderen Ansichten mit ihren neuen Stimmungen nicht betrachten zu dürfen.

Dieses Streng-Einfache stößt an die Grenze zum Unsichtbaren. Noch ein wenig strenger und ein wenig einfacher, und der Kailasch würde sich in der Weiße seines Schnees auflösen und ins Transzendenten davonfliegen.

Auf der anderen Seite des breiten Tals entdeckte ich eine Schafherde. Viele Punkte bewegten sich gemeinsam über die Bodenwelle und einen flachen Hügel hinan. Zwei oder drei Hunde umkreisten die Herde, ein größerer Punkt: das musste der Hirte sein. Lange beobachtete ich die langsamen Bewegungen der Punkte, die über den Hügel ausschwärmten. Was konnten sie hier noch äsen? Das harte, stoppelige, gelbe Gras, beinahe nichts.

 

Tibetische Pilger. – Die Begegnung mit den tibetischen Pilgern war einer der wesentlichen Eindrücke. Sie haben mich in ihrer radikalen Einfachheit tief bewegt, geradezu aufgewühlt. Eine Umrundung des Kailasch muß ihre lebenslange Sehnsucht sein, wie könnten sie sonst die Strapazen eines Fußmarsches von Hunderten Kilometern durchstehen? Wir haben Mönche oder Nonnen gesehen, die einzeln oder in kleinen Gruppen wanderten, aber auch Familien mit Alten, mit Frauen und Kleinkindern. Alle waren zu Fuß unterwegs. Ihre Lasten trugen sie meist selbst auf dem Rücken, manchmal führten sie einen Esel oder ein Pony mit sich. Von Darchen zum Seitental zeigte uns eine tibetische Nonne den Weg, der sich im Sand und Kieselgeröll und unter den nackten Felsen immer wieder verlor. Wir wanderten in einer Höhe von beinahe 5,000 Metern und mussten darum bedächtig gehen und langsam atmen, um nicht zu rasch zu ermüden oder zu erkranken. Die zierliche Nonne in ihrer weinroten Kutte, in einer Hand ihre Gebetsmühle, trippelte in gemsenhaft kleinen Schritten vorweg. Von uns war sie die schnellste. Ihre Füße in den durchlöcherten Turnschuhen setzte sie sicher auf, einen Stock brauchte sie nicht. Halblaut murmelte sie den Mantra zu der schwingenden Gebetsmühle. Immer wieder setzte sie mit Energie neu ein, wenn ihre Stimme leiser wurde und das Gebet nicht mehr lebendig war. Dabei brauchte sie niemals zu keuchen. Kurzsichtig, den Mantra murmelnd, schaute sie häufig rückwärts, ob wir mitkamen, und wartete. Sie fand sogar die Zeit und die Energie, wandernd Steine aus dem Weg zu räumen und an den Rand zu legen. Das war ein Dienst für die Pilger. Mehrmals kamen wir an aufgehäuften Steinmengen vorbei, auf die die Nonne weitere Steine legte. Schließlich erreichten wir, ständig leicht aufwärts wandernd, einen hoch aufgeschichteten Steinhaufen, mannshoch. Darin steckte eine Stange, von deren Spitze nach allen Seiten, an Schnüre gereiht, bunte Wimpel flatterten. Die Nonne ging ehrfürchtig-langsam um das Steingeviert herum und warf sich an jeder ihrer Ecken zu Boden.

Nach drei Stunden hatten wir unser Zeltlager erreicht, die Nonne aber verweilte nur kurz, dann ging sie weiter in den dunkel und kälter werdenden Nachmittag hinein. Wo würde sie die Nacht verbringen? In einem Kloster am Weg? Würde es für sie ein Fell gegen die Kälte geben?

 

Auf dem Weg in Nepal und Tibet haben wir eine Reihe buddhistischer Klöster, sogenannte Gompas, besucht, in denen wir auch Pilger, Familien und Mönche oder Nonnen, antrafen. Ein Besuch, es war in der Chui-Gompa, am Manasarovar-See, hat sich eingeprägt. Auf einer steilen Anhöhe unmittelbar am Ufer ist die Gompa in den Felsen gebaut. Sie selbst wirkt so zerklüftet, verschachtelt, so felsrauh und felsfarben wie ihre natürliche Umgebung. Dort hinauf stieg ich mit meinem Zeltpartner. Wir wurden von den Mönchen begrüßt und blieben gegenüber einem jüngeren Lama sitzen, der aus den heiligen Schriften rezitierte und dazu auf eine Trommel schlug. Dann traf eine tibetische Pilgergruppe ein, es mögen ein Dutzend Menschen gewesen sein: Frauen, Männer, Kinder, sogar ein Baby.

Mit einem Mal war der Raum mit ihrer lebhaften Gegenwart erfüllt. Ärmlich sahen sie aus, ihre Kleider – grob und verbraucht und übelriechend. Manche trugen Schafsfelle gegen die Kälte, andere unordentlich übereinander geschichtete, zerfranste Pullover und Decken. Die Kleidung der Frauen und auch einiger Männer hellte sich auf durch die breiten vielfarbigen, leuchtend bunten Borde. Es ist verwunderlich, wo dieses Volk einer eintönig kahlen Landschaft eine solche Leidenschaft für das Bunte herholt, das sich doch in ihrer Außenwelt nicht spiegelt. Das Baby schlummerte, fest in ein Tuch gewickelt, in einem kleinen Korb, das die Mutter in den Armen trug. Alle warfen sich vor den Bildern der Buddhas und Bodhisattvas lang nieder, sie entzündeten Butteröllampen, legten kleine Geldscheine als Gaben auf die Altäre. Sichtlich benommen waren sie von dem Glück, angekommen zu sein. Für mich sind diese Menschen, vor allem ihre rätselhaften Gesichter und Gesten, Erscheinungen wie aus einer fremden Welt geworden. Ihre Gesichter schienen mir wie Masken, deren Zeichenhaftigkeit ich nicht deuten konnte, die aber voll rätselhafter Bedeutung waren. Mit Gesten fragten wir, woher sie kämen. Die Provinz, deren Namen sie nannten, lag tief im Osten, vielleicht tausend Kilometer entfernt. Ihr Anblick, ihr Glaube rührten mich an und beunruhigten mich tief. Ich stellte mir vor, wie sie, gegen den Wind und den Sand und die Kälte ankämpfend, über die tibetische Hochebene wanderten, wie sie bei Minustemperaturen, ohne den Schutz eines Zeltes, in ihre Felle eingerollt schliefen. Wie sie ihre Suppe auf einem kleinen Feuer kochten, das sie ängstlich vor dem Wind beschützten…. und Tag für Tag weiterpilgerten. Sie würden bis zum heiligen Berg Kailasch, den sie von dieser Gompa wohl zum ersten Mal gesehen hatten, weiterziehen, ihn umrunden und dann in ihre Heimat zurückkehren. Ich konnte ihre Gesichter nicht verstehen, auf mich wirkten sie maskenhaft, doch eines war mir erschreckend deutlich: daß eine vehemente Glaubenssehnsucht diese Familie antrieb, die Strapazen auf sich zu nehmen.

 

Die Erinnerung. – Wir wanderten denselben Weg zurück. Die Gruppe spaltete sich: ein Teil nahm einen schwierigeren Weg, der Rest den bekannten. Aber kennen wir einen Weg, nachdem wir ihn in eine Richtung durchschritten haben? Auf dem Rückweg blicken wir hinab ins Tal, wir gehen abwärts. Das sind andere Erlebnisse, als aufwärts zu steigen und das Tal zur Quelle hin zu durchwandern. Allein die Anstrengung des Aufwärtssteigens und die Leichtigkeit, wie man zu Tale geht, verändert die Stimmung, in der die Umgebung aufgenommen wird. Außerdem genügt es nicht, anzuhalten, um sich zu blicken, um das gesamte Tal in den Blick zu bekommen. Wir erleben trotz dieser Blicke unsere Wanderschaft in der Perspektive, in der wir weiterlaufen, weil unsere innere Disposition auf die Erwartung des Ziels eingestellt ist. Ich bin froh, daß ich den „bekannten“ Weg gewählt hatte, weil er mir überraschend neu erschien. Neu nicht nur wegen der Umkehrung der Perspektive, wegen der Leichtigkeit und Muße des Abstiegs, sondern auch weil ich Erinnerungen durchwanderte. „Schau, dort hatten wir unser Zeltlager aufgebaut, hier haben wir Rast gemacht, der Aufstieg an diesem Hang war mühsam, diese Riesenfelsennase, die über das Tal ragt – erinnerst du dich? …“ Solche Erinnerungen zu besuchen, prägen nicht nur das Erlebte tiefer ein, sie erzeugen auch eine Freude, auf die man nicht verzichten sollte. Entdeckungen können wir nicht nur im nie gesehenen Neuland machen, sondern auch in unseren Erinnerungen.

Man soll nicht zu viel und nicht zu rasch hintereinander erleben. Als ich am Kailasch stand, empfand ich keine Überwältigung. Nach so langer äußerer und innerer Vorbereitung war ich sogar eine Spur enttäuscht, daß der Berg mich nicht stärker beeindruckte. Ich blickte den Berg an, wie ich jeden Gegenstand betrachte, und dachte: “Da steht er.” Die Vereinnahmung begann erst später und allmählich. Auch darum bin ich dankbar, daß ich mich entschieden hatte, den Berg nicht zu umrunden, sondern ihn drei Tage lang von einem Ort aus zu betrachten. Ich sah diese eine Bergsicht wie eine Statue, die mein Meditationsgegenstand wurde. Bei einer Umrundung wäre der Berg vielleicht nicht so tief in mich hineingesunken. Vermutlich wäre ich zu stark mit mir und den Mühen des Weges beschäftigt gewesen, und gewiss wäre ich in die vielfältigen gruppendynamischen Prozesse eingefangen gewesen, denen man sich nie ganz entziehen kann und auch nicht entziehen sollte, wenn man sich entschlossen hat, in einer Gruppe zu sein.

Der Kailasch und das tibetische Hochland sind nach und nach Seelenlandschaften geworden. Diese tibetische Kargheit war die auf ihr Minimum reduzierte Schöpfung, sie wurde das Abbild reiner Existenz. Und der Kailasch wurde der Inbegriff des heiligen Raums, der an der Grenze des Materiellen angesiedelt ist. Er “schwimmt” und “schwebt” über der harten Erde, wie ich sagte. Bald überquert er diese Grenze und fliegt weg und wird unsichtbar.

Es fügt sich gut, daß ich – im Sinne des rechten Reisens – bis heute, also zehn Jahre später, keine ähnliche Pilgerreise unternommen habe. So durfte diese Pilgerschaft nachwirken. So viele Jahre später sprießen immer noch neue Triebe und Blüten von Gedanken und Gefühlen hervor.

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