Neel Mukherjee-Besprechung

F.A.Z., Mittwoch den 13.04.2016 Literatur und Sachbuch 10

Wie ein Bild von Hieronymus Bosch

Der bengalische Schriftsteller Neel Mukherjee erzählt in seinem labyrinthisch verschachtelten Roman vom Schicksal einer indischen Großfamilie. „In anderen Herzen“ gibt fesselnde Einblicke ins politische Spannungsfeld der späten sechziger Jahre.

Wer sich auf dieses Buch einlässt, sollte starke Nerven mitbringen. Auf sechshundert Seiten wird eine industrielle Großfamilie der Mittelklasse Kalkuttas porträtiert: als Hölle aus Zank, Bespitzelung, übler Nachrede, giftigen Phantasien, Gehässigkeit, körperlicher und seelischer Ausbeutung, Gier, Standesdünkel, Neid, Rachsucht, innerer Erstarrung – und das im Kleid bürgerlicher Wohlanständigkeit. Die Hölle sind wir, sagte Sartre. Genau so ist es. Eine fremde, tropisch-schwüle, hässliche und lieblose Welt.

Der Roman des bengalischen Schriftstellers Neel Mukherjee – der neue Stern am Himmel der indischen Literatur in englischer Sprache –, in Kalkutta geboren, inzwischen in London ansässig, saugt die Leser in ein labyrinthisches Welttheater-im-Kleinen hinein und lässt sie bis zur letzten Seite nicht mehr los. Nur die Spanne von 1967 bis 1970 wird dargestellt, eine Zeit, als Kalkutta politisch und sozial brodelte. Die Marxisten drängten an die Macht, um die Regierung der bürgerlichen Congress-Partei abzulösen. Unzufrieden mit beiden Parteien, zettelten idealistische Stadtjungen die maoistische Revolution in den Dörfern Westbengalens an, um die ländliche Unterdrückung durch Großgrundbesitzer, Geldverleiher und die Bürokratie mit Gewalt zu brechen. Benannt nach dem nordbengalischen Dorf Naxalbari, wo die Bauern zuerst für ihre Rechte kämpften, sollten die Guerrilleros als „Naxaliten“ in die Geschichte eingehen.

In diesem politischen Spannungsfeld wird die Großfamilie Ghosh dargestellt. Drei Generationen leben in einem Haus zusammen. Eine fortlaufende Geschichte entsteht nicht, vielmehr zieht Mukherjee die Leser durch minutiöse Ausmalung der Handlungen einer Vielzahl von Personen in seinen Bann. Der Roman wirkt wie ein wimmelndes Tableau, wie ein Hieronymus-Bosch-Bild, auch ebenso grausam und bizarr. Durch ständige Sprünge zurück in die erinnerte Vergangenheit wird der langsame, kaum wahrnehmbare Niedergang der Familie nachvollziehbar. Der Firmengründer Prafullanath Ghosh hatte Energie und Innovationsgeist in seine Geschäfte investiert, hatte expandiert und konsolidiert. Dessen Sohn Adinath, das älteste von fünf Kindern, übernimmt sie unwillig und ohne unternehmerischen Verstand. Marxistisch inspirierte Gewerkschaften schließen die Fabrik. Die Familie befürchtet, ihren sozialen Status zu verlieren.

Die Ghoshs sind von ihren bürgerlichen Gewohnheiten, dem Ehrgefühl, dem feudalistischen Gehabe, dem Prestige der Mittelklasse wie in ein Gefängnis gesperrt, aus dem nur Supratik, der älteste Sohn von Adinath, entkommen kann – mit entsetzlichen Folgen. Als Maoist will er die Bauern befreien und kehrt zurück, als seine Genossen durch Polizeikugeln umkommen. Doch in Kalkutta wird er als Terrorist entlarvt, geschnappt, gefoltert und erschossen.

Die übrigen Mitglieder des Haushalts erstarren in Angst, doch ihre Mentalität ändert sich nicht. Chhaya kann nicht verheiratet werden, weil ihre Hautfarbe zu dunkel ist. Purba, eine Witwe, muss für ihr Schicksal mit Verachtung büßen. Priyonath, der zweitälteste Sohn, lenkt sich mit sexuellen Abenteuern ab. Madan, der altgediente Koch, wird, nachdem man Schmuck in seinem Zimmer gefunden hat, verstoßen und den grausamen Methoden der Polizei überlassen. Er ist es nicht wert, dass sich die Familie für ihn einsetzt. Aus dem Gefängnis entlassen, wirft er sich vor einen Zug. Ein weiterer Sohn flieht in die Scheinwelt der Drogen.

Keine brutale Einzelheit bleibt uns erspart. Das Folterverhör von Supratik wird bildreich über zwanzig Seiten beschrieben, wir erfahren auch genau, wie Bomben gebastelt werden. Die Verruchtheit der Polizisten wird bis in die geheimen Hirnwindungen des Bösen analysiert. Das durchtriebene Lachen eines Polizisten liest sich zum Beispiel so: „Dieses Lachen zu hören gibt einem ein Gefühl, als bekäme man einen Eimer kalten Nasenrotz über den Kopf geschüttet; man möchte sich anschließend stundenlang abschrubben.“ Die Wirkung dieser Sprache wird erhöht durch die hervorragende Übersetzung des bewährten Übersetzerteams Giovanni und Ditte Bandini, das sich durch zahlreiche kompetente Arbeiten um die indische Literatur verdient gemacht hat.

Ein Lichtblick ist der Sohn Swarnendu, abgekürzt Sona, den sein Lehrer als „eine schier übernatürliche Begabung für Mathematik“, als „Wunderkind“, entdeckt. Typischerweise ist es dieser letzte Spross, der, in sich verschlossen, den giftigen Atem der Familie kaum wahrnimmt. Sein Verstand lebt in den Räumen der Abstraktion. Er darf mit seines Lehrers Hilfe fünfzehnjährig in die Vereinigten Staaten entfliehen und wird dort ein einsamer, aber vielgeachteter Mathematikprofessor.

Neel Mukherjees sprachliche Genauigkeit und unerschöpfliche Ausführlichkeit ist mit Sarkasmus und Ironie gewürzt. Anspielungsreich spricht etwa die französische Ordensschwester einer Schule den Namen „Ghosh“ als „Gauche“ aus – eben das ist die Familie: „linkisch“, im Grunde lebensuntauglich. Mukherjee fehlen der hymnische Schwung und die Sprachverspieltheit eines Salman Rushdie. Darum wirkt Rushdie, obwohl ebenso ätzend in der Sozialanalyse, versöhnlicher. Mukherjee geht es nicht um Satzmagie und Vision. Doch tränkt er seine Milieuschilderung mit einem explosiven Wirklichkeitsgefühl, dem kein Leser entrinnen kann.            MARTIN KÄMPCHEN

 

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