Das himmlische Tibet. Zu dem Roman “Der verlorene Horizont” von James Hilton (in: “Herzstücke”, Patmos Verlag)

[In: Herzstücke – Texte, die das Leben ändern. Zum 60. Geburtstag von Karl-Josef Kuschel. Patmos Verlag, 2008]

 

Das himmlische Tibet

Zu dem utopischen Roman „Der verlorene Horizont“ von James Hilton

von Martin Kämpchen

 

Die Lektüre

Als Student hatte ich Literaturkritiker werden wollen. Von diesem Berufsziel verabschiedete ich mich, als ich merkte, wie langsam ich lese. Immer wieder schweife ich von der Lektüre ab zu eigenen Gedanken, phantasiere über die literarischen Gestalten, spinne die Handlung fort und vermische sie schließlich mit meinen Erfahrungen. Die Gestalten werden Bruder und Schwester, Großmutter und Enkel. Ich lese im Café oder auf dem Balkon, dann setze ich mich wieder ins Zimmer, auf Zugreisen geht das Buch mit. Und jedes Mal versetzt mich diese erzählte Welt in eine andere Stimmung, und sauge ich Honig verschiedenartigen Geschmacks heraus. Bücher, die nicht in mich eindringen konnten, habe ich halbgelesen weggelegt. Immer interessierten mich die Autoren beinahe ebenso stark, wie deren Werke. Bei der Lektüre wollte ich wissen, an welchem Ort der Autor das Buch geschrieben hatte: in seiner Heimat oder der Fremde?  Wie alt war er damals? War er glücklich? War er verheiratet? In Geldnot oder wohlhabend? Das spielte für mich eine so große Rolle, daß ich zwischendurch über den Autor las. So vergingen manchmal Wochen bis zur letzten Seite.

Kann ein Kritiker so arbeiten? Darf er so radikal subjektiv lesen? Muß er nicht mindestens zwei Bücher pro Woche vertilgen, um den Überblick zu behalten? Sich immer entscheiden zu müssen, ob ein Buch „gut“ oder „schlecht“ ist und warum, erschien mir als eine grauenhafte Pflicht. Darf man nicht im Zweifel sein? Vielleicht möchte man das Buch ein zweites Mal lesen, vielleicht ein paar Wochen bis zur Entscheidung warten. Mich plagte also die Pflicht, die uns unsere moderne Kultur aufdrängt: die zur Objektivität. Denn „Sei objektiv!“, heißt „gerecht“ sein, und jeder muß gerecht sein! Für mich bestand aber die Wonne des Lesens in der Integration mit der eigenen Biographie. Nur so konnten aus Büchern „Herzstücke“ werden, die mich veränderten. Ich erinnere mich an George Bernhard Shaws Musikkritiken, die radikal subjektiv waren, ebenso an Peter Handkes frühe Leseberichte, als er noch am literarischen Leben teilnahm. Aber sie waren keine Berufskritiker. Aus Liebe zur Literatur nahm ich Abschied von meinem Wunsch.

Ein Buch verändert dann das Leben des Lesers, wenn es darin wie eine Saite hörbar mitschwingt, wenn es beiträgt zum reichen Humus, aus dem ein Mensch sein Glück, seine Kraft, seine Weisheit und seine Entscheidungen empfängt. Ein solches Buch klingt in das Leben hinein, und das Leben klingt ins Buch hinein. Ich bin zeitlebens an Biographien und Utopien interessiert gewesen, an Büchern also, die auf unmittelbare Weise Vorbilder sein können. Als mir vor einigen Jahren eine Bekannte in München den utopischen Roman „Der verlorene Horizont“ von James Hilton schenkte und mir die Lektüre dringend empfahl, war ich nur mäßig interessiert. Von dem Autor wie von seinem Roman hatte ich nie gehört, obwohl (wie mich der Umschlag informierte) der Roman millionenfach verkauft worden ist, zu den klassischen utopischen Werken gehört und mehrfach verfilmt wurde.

Ich las das Buch erst nachdem ich Anfang Oktober 2001 von meiner Reise nach Tibet zurückgekommen war. Lange hatte ich gezögert, ob ich diese Reise zum heiligen Berg Kailasch antreten sollte. Ich fühlte mich den Anstrengungen nicht gewachsen. Die Reisebegleiter betonten, beim Fußtreck bis in über 4000 Meter Höhe werde man „an die Grenzen“ der physischen und seelischen Möglichkeiten stoßen; man lerne sich unter den extremen Bedingungen genauer kennen. Wollte ich das? Noch am Tag vor dem Flug von Kathmandu nach Simikot (wo die Fußwanderung beginnen sollte) überlegte ich, welche Gründe man angeben könnte, um auszusteigen. Und am ersten Tag des Trecks ging ich abends ins Zelt des Bergführers und sagte, ich wolle umkehren. Jetzt sei es noch möglich. Er überredete mich, noch einen Tag weiterzugehen. Ich ging weiter und weiter – bis zum Schluß. Es war eine Mutprobe, bei der mich der Akt der Überwindung ebenso prägte, wie die Wanderung selbst.

 

Die Philosophie

Der Roman „Der verlorene Horizont“ handelt in Tibet. Er führt die Leser in ein abgelegenes Tal, das nur über einen hohen und schwer zu überschreitenden Paß erreichbar ist. Das Hochland der Umgebung ist unwirtlich und nur mit geradezu übermenschlichen  Anstrengungen zu durchqueren. Das Tal bleibt darum versteckt, unbekannt. Nur zufällig haben sich manchmal Reisende, die vom Weg abgekommen sind, erschöpft, dem Tod nahe, über den engen Paß ins Tal hinein verirrt. O Wunder! Dort werden sie von einer Gruppe buddhistischer Mönche, den Lamas, empfangen und gastfreundlich zu ihrer Lamaserei begleitet, die unterhalb des Passes über dem engen Tal thront. Im Tal wohnen Bauern in einigen Dörfern, die umgeben sind von fruchtbaren Feldern. Lamaserei und Talbewohner leben in einem friedlich-symbiotischen Verhältnis miteinander, wobei die Mönche die Bauern kaum merklich, aber dennoch autoritär regieren.

James Hilton, der übrigens Tibet nie besucht hat (vgl. McRae, S.83), entwirft ein Ideal-Tibet, ein himmlisches Tibet – analog zum himmlischen Jerusalem christlicher Vorstellung. Seit rund zweihundert Jahren wohnen Mönche in der Lamaserei Schangri-La, die von dem luxenburger Kapuzinerpater Perrault gegründet wurde und weiterhin angeführt wird. Er heißt „der Hohe Lama“. Obwohl schon 1933 erschienen, nimmt Hilton erstaunlicherweise und geradezu als Nebenprodukt seines Romans den Dialog zwischen Christentum und Buddhismus voraus. Als katholischer Pater leitet Perrault eine buddhistische Kommunität, führt er christlich-abendländischen und buddhistisch-asiatischen Geist in Lebensweise und Weltanschauung zu einer Einheit zusammen. Die Philosophie von Schangri-La ist von dem buddhistischen Zentralthema des Mittleren Weges abgeleitet. Der Buddhismus lehnt übertriebene Askese ebenso ab wie Lauheit. Er predigt keine spirituellen Höchstleistungen, sondern das Menschenmögliche. Auf Schangri-La herrscht ebenso der Grundsatz des Maßvollen („moderation“). Maßvolle Askese, maßvoller Ehrgeiz, maßvolle Arbeit und maßvolle Frömmigkeit. Durch das Gesetz des rechten Maßes stiften die Mönche Frieden in sich, untereinander und zwischen sich und den Talbewohnern.

Die Anwärter auf die Lamaschaft warten mit den letzten Weihen bis zu einem sehr hohen Alter. Erst dann können sie dieses Ideal des rechten Maßes mit „Leidenschaftslosigkeit“, Altersweisheit und „Geistesklarheit“ (Hilton, S.135) erfüllen. Dies sieht dem hinduistischen Vier-Stufen-Lebensweg ähnlich (catur-āśrama-dharma), dem zufolge ein Mensch erst Mönch (sannyāsī) werden soll, nachdem er sich in gehobenem Alter mit gestillten Leidenschaften dem Ewigen vollständig zuzuwenden bereit ist. Unterdessen widmen sich die Klosterbewohner, stets in Maßen, dem Genuß der Sinne, dem milden Rausch, den die Tangatse-Beere hervorruft, und allen guten Dingen, die dieses fruchtbare Tal zu bieten hat. Hilton beschreibt eine gesellschaftliche Idylle, die durch Nachgeben und Ausgleich, Zucht und Mäßigung möglich wird. Ich spüre auch Anklänge an die christliche Kardinaltugend der temperantia, etwa im thomistischen Sinne, den Josef Pieper so beschreibt: „Der Zielsinn der temperantia ist die innere Ordnung des Menschen, aus der allein diese ‚Ruhe des Gemütes’ erfließt. Zucht heißt: in sich selber Ordnung verwirklichen.“ (Pieper, S.206) Denn eine solche Ordnung der Sinne, der Gefühle und des Verstandes scheint die Voraussetzung für die Vision der Harmonie zu sein, die James Hilton schildert.

Pater Perrault war 53 Jahre, als er in Schangri-La zu leben begann; das war 1734. Mit drei Gefährten hatte er sich aufgemacht, „um die Überreste des nestorianischen Glaubens zu suchen“ (Hilton, S.116). Seine drei Gefährten starben von den Strapazen der Reise, während Perrault „zufällig in den engen Paß stolperte“[*] (S.116), der der einzige Weg zum Tal ist. Dort blieb er, lernte von seiner Bevölkerung, predigte ihr seinerseits und erbaute mit Hilfe der Talbewohner das Kloster auf dem steilen Hang über dem Tal. Einige Jahre versuchte er, den Kontakt zur Kirche zu erhalten, schickte Berichte nach Peking, die jedoch – kein Wunder! – ohne Anwort blieben. Der Pater studierte die buddhistischen Schriften und lernte von ihnen. Er nahm Schüler auf. Als er, „alt und glücklich“ (S.119), im neunten Jahrzehnt stand, hatte sich, heißt es, „sein Geist zu schneeweißer Ruhe geglättet. Er war bereit, willig und froh zu sterben.“ (S.120) Krank wurde er, lange lag er, doch starb er nicht. Statt dessen begann ein „geheimes Ritual“ (S.121), das Hilton nicht näher beschreibt, durch das Perrault genas und in eine Langlebigkeit hineinglitt. Soviel erfahren wir: Sie hängt mit der dünnen Hochgebirgsluft, mit Atemtechniken, mit Mäßigkeit und Sorgenfreiheit zusammen. Andere Fremde trafen, wie er durch Zufall, in Schangri-La ein und blieben. Auch sie durchlebten eine lange Jugend. Der Roman „Lost Horizon“ erschien im Jahr 1933; die Erzählzeit ist Anfang der dreißiger Jahre, als man das Nahen des Nationalsozialismus und eines großen Krieges voraussehen konnte. Damals lebte Perrault, der Hohe Lama, noch und erzählte seine Geschichte, rund 250 Jahre alt, dem Engländer Conway. Einige Monate darauf starb er.

Im Laufe der langen Geschichte der Lamaserei begann sie, sich als Hort der Kultur und der Künste zu verstehen. Die Mönche verstanden es, Bücher, Musiknoten und Möbel, Musikinstrumente und Kunstgegenstände auserlesener Art in das Tal transportieren zu lassen. Die Träger mußten kilometerweit vor dem Bergpaß auf die Mönche warten, die die Kenntnis des geheimen Abstiegs nicht preisgeben wollten und darum die Lasten übernahmen. Während Kriege und Katastrophen die Welt überzogen, häuften sich in dem „Tal aller heiligen Zeiten“ die Kulturgüter der damaligen Epoche an. Der Hohe Lama begann nach und nach seine Lamaserei – in den Begriffen unserer Zeit gesprochen – als ein „Weltkulturerbe“ zu betrachten, als eine Arche Noah der Weltkultur. Gewiß hören wir ein Echo des ersten und des heraufziehenden zweiten Weltkriegs, wenn Hilton den Hohen Lama sprechen ließ:

Hier wollen wir bleiben, mit unseren Büchern und unseren Musiknoten und unseren Meditationen, um die gebrechlichen Verfeinerungen eines sterbenden Zeitalters zu bewahren und jene Weisheit zu suchen, die einst den Menschen nottun wird, wenn alle ihre Leidenschaften verbraucht sind. Wir haben ein Erbe zu hüten und zu hinterlassen, und bis diese Zeit kommt, wollen wir so viel Freude genießen, als wir können. [...] Wenn die Starken einander verschlungen haben, wird die christliche Lehre vielleicht endlich erfüllt sein, und die Sanftmütigen werden die Welt erben.“ (S.137f.)

Die Mönchsgemeinde, unter denen Gelehrte und Kunstschaffende leben, pflegt mit Zuneigung und langem Atem die angesammelten Schätze, in dem Bewußtsein, daß sie wie in einer Zeitkapsel die Stürme der Zeit überdauern werden. Die Geschichte der Menschheit verborgen in einem unzugänglichen Tal des tibetischen Hochlands – eine höchst ideale, utopische Vorstellung. Sie fasziniert darum, weil sie nicht wie ein bloßes Märchen außerhalb jeder Wirklichkeit gestellt wird, sondern dem realistisch ausgestalteten Rahmen einer Kriminalgeschichte aus den dreißiger Jahren gegenübergestellt ist.

 

Die Geschichte

James Hilton erzählt nämlich die Geschichte einer Entführung. Vier Menschen: drei Engländer und ein Amerikaner, drei Männer und eine Frau, sollten von der (imaginären) Provinz Baskul nach Peschawar in Pakistan ausgeflogen werden, weil Aufständige die Sicherheit der Ausländer gefährdeten. Mit der Zeit merkten sie, daß sie nicht nach Peschawar, sondern über hohe Berge nach Tibet flogen. Der Pilot machte mit einer hingehaltenen Pistole deutlich, daß er die Passagiere entführte. Nach einer Zwischenlandung zum Auftanken ging es weiter durch die Nacht, bis das Flugzeug im Schnee des tibetischen Hochgebirges notlandete. Eine Delegation  aus Schangri-La, angeführt von dem chinesischen Mönch Tschang, holte die erstaunten Passagiere ab und geleitete sie über den Paß ins Tal und zum Kloster. Bei allem Dank für ihre Rettung und die ausgezeichnete Gastfreundschaft, wollten die vier so rasch wie möglich in „die Zivilisation“ zurückkehren. Sie wurden auf die Ankunft von Trägern vertröstet, die irgendwann in einigen Monaten zum Paß mit neuen Gütern kommen sollten. Nur einer, Hugh Conway, erkannte bald, daß sich „die Zivilisation“ nicht draußen in der ihnen bekannten Welt, sondern in der Lamaserei  ereignet. Fasziniert hörte er dem Hohen Lama zu, der die Philosophie seiner Gründung und ihre Geschichte erzählte. Conway fühlte sich tief angezogen und dem Hohen Lama wesensverwandt. Es heißt: Conway glaubte noch nie so glücklich gewesen zu sein [...]. Er liebte die abgeklärte Welt, die Schangri-La ihm bot, diese von ihrer gewaltigen Idee mehr befriedete als beherrschte Welt. [...] Er liebte diese von Gesittung und Muße durchdrungene Atmosphäre, in der ein Gespräch eine Kunstfertigkeit, nicht nur eine bloße Gewohnheit war [...]. (S.163) Es gefiel ihm, sich zu vergegenwärtigen, daß die abgeklärte Zielbewußtheit Schangri-Las eine unendliche Zahl wunderlicher und scheinbar nebensächlicher Beschäftigungen umfassen konnte [...]. (S.164)

Der Höhepunkt kam, als Pater Perrault seinem Gast Hugh Conway sagte: „Ich lege in Ihre Hände, mein Sohn, das Erbe und das Schicksal von Schangri-La“, und fortfuhr: „Sie werden das Wesentliche unserer Geschichte aufbewahren und um den Anhauch Ihres eigenen Geistes vermehren.“ (S.171) Bald darauf starb der Hohe Lama.

Schon in seinen ersten Gesprächen hatte der Hohe Lama Conway verraten, daß das Kloster keineswegs plane, die vier Ankömmlinge mit der nächsten Trägerkolonne nach Indien zu schicken. Sie würden bleiben müssen, um die menschliche Vielfalt des Klosters zu bereichern. Mit der Zeit, so versicherte Tschang, würden sie sich, wie frühere Gäste, an den Frieden des Tals gewöhnen, die Ausreißwünsche würden milder werden und schließlich ganz verschwinden. Tatsächlich hatten sich drei der neuen Gäste bereits entschlossen zu bleiben. Nur der junge Engländer Mallison beharrte heftig auf seinem Wunsch, zurückzukehren. Für ihn waren Philosophie und Lebensweise des Klosters „Unsinn“ (S.178). Als sich jenseits des Passes Träger ankündigten, wollte er gemeinsam mit Conway losziehen, um die Träger zu treffen. Unglaubwürdig ist, daß sich Conway zum Mitgehen überreden ließ, obwohl ihm der Hohe Lama in derselben Nacht die Leitung von Schangri-La anvertraut hatte und gestorben war.

Dieser plötzliche Sinneswandel ist allenfalls für den Handlungsverlauf notwendig. Denn wie hätte das Wissen über Schangri-La in die Außenwelt dringen können, wenn nicht durch Conway. Also mußte er wieder aufbrechen, um in dieser Außenwelt seine Geschichte zu erzählen. Diesen Vorgang verarbeitet Hilton in einer Rahmenhandlung. Ein britischer Schriftsteller namens Rutherford kennt Conway aus ihrer gemeinsamen Studentenzeit in Oxford. In geselliger Runde erfährt er, daß Conway in Baskul in einem Flugzeug nach Peschawar evakuiert worden war, allerdings dort nie eintraf und verschollen blieb. Das war vor einem Jahr. Rutherford berichtet nun dem Ich-Erzähler, daß er Conway kürzlich in einer chinesischen Missionsstation gesehen habe. Todkrank und in einem Zustand der Amnesie sei er in das Krankenhaus der Missionsstation aufgenommen worden. Nach und nach genesen, habe er in einer langen Nacht die Geschichte von Schangri-La erzählt, die Rutherford aufschrieb. Später benachrichtigte ihn Conway, daß er „nach dem Nordwesten“ (S.19) aufbrechen wolle. Am Ende des Hauptteils darf der Leser vermuten, daß Conway – verzweifelt und von beißender Reue gequält – zurück nach Schangri-La aufgebrochen ist.

Ein Jahr danach trifft Rutherford den Ich-Erzähler wieder und berichtet, daß er überall nach Conway gesucht habe. Doch konnte er ihn nirgendwo entdecken. Auch eine Spur von Schangri-La war nicht zu finden. Der Roman endet mit der Frage des Ich-Erzählers: „Glaubst du, daß er jemals wieder hinfinden wird?“ (S.198) Das Paradies Schangri-La bleibt also wirklich und zugleich unwirklich. Nur wer, das erste Mal daraus durch eigenes Versagen verstoßen, ein zweites Mal den Weg zurück entdeckt und, die Angst überwindend, die Not des Weges erträgt, ist wirklich dort angekommen! Parallelen zu Legenden um Orpheus und Eurydike und anderen Mythen  fallen mir ein. Ich erinnere mich an meinen eigenen Kailasch-Treck, bei dem nur die Überwindung der Angst mich frei machte für die Erlebnisse der Pilgerschaft.

Die Lebenswelt von Schangri-La schwebt in einem Konkon der Zeitlosigkeit, das von einer realistischen, aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts geschöpfte Rahmenhandlung umgeben ist. Der Flug von Baskul nach Schangri-La ist der Sprung von der Realität in diese Zeitlosigkeit. Wer hat bei langen Flügen nicht schon einmal dieses eigentümliche, geradezu unheimliche, Gefühl der Zeitlosigkeit gespürt, jenes Gefühl, aus den Dimensionen von Ort und Zeit hinauskatapultiert zu sein.

Der Film „Lost Horizon“ von Frank Capra (1937) erschafft James Hiltons Roman nach, jedoch mit dramatischen und filmisch eindrucksvollen neuen Akzenten. Die Unwirtlichkeit der Schneeberge wurde, für die damalige Zeit erschreckend realistisch, evoziert; Umzüge der Lamas zeigten die Majestät des tibetischen Buddhismus. Vor allem aber erhielten die vier Gäste ihren je eigenen differenzierten Charakter. Hilton zeichnete sie dagegen, mit Ausnahme von Hugh Conway, recht schematisch. Jedem der Gäste wurde ein Partner oder eine Partnerin zugesellt, so daß die Reaktion auf die Lebensform von Schangri-La auf dem Hintergrund der sich entfaltenden Liebesbeziehungen geschildert werden konnte. Conway und Mallison sind leibliche Brüder, was den plötzlichen Sinneswandel Conways plausibler macht. Im Film ist dieser Sinneswandel nicht überhastet – Hilton braucht nur ein paar Seiten für seine Beschreibung – sondern wird zu einem inneren Kampf ausgestaltet, bei dem die Liebe zu einer Frau, Bruderliebe, Lüge und Enttäuschung eine Rolle spielen. Auf diese Weise werden Philosophie und Handlung besser als im Buch integriert. Der ursprüngliche Schluß zeigt, wie Conway zusammenbricht, bevor er das „Tal aller heiligen Zeiten“ wieder erreicht. Doch schon anderthalb Wochen nach der Uraufführung des Films mußte ein zweites – glüchlicheres – Ende montiert werden, in dem Conway zum Klang der Glocken wieder ins Tal einzieht (siehe das „Lost Horizon“-Video mit zwei alternativen Schlüssen).

 

Lob der Altersweisheit

Ein Literaturwerk wird dadurch bedeutend, daß es für die Leser beziehungsreich immer neue Facetten von Sinn und Erkenntnissen auseinanderfaltet. Diese Vielschichtigkeit und Multivalenz besitzt „Der verlorene Horizont“. Einerseits mag man es als narrative Zusammenschau von Buddhismus und Christentum oder von östlicher und abendländischer Lebensweise lesen. Andererseits handelt es sich um die Utopie einer heilen Welt, wie sie die Phantasiekräfte zahlreicher Schriftsteller von Thomas Becket bis Stefan Andres ausgemalt haben . Der Roman ist schließlich ein Loblied auf ein harmonisches Gemeinschaftsleben. Darin verbindet sich ungezwungen buddhistische Abgeklärtheit mit stoischen Elementen, mit christlichen Tugenden, mit dem indischen polaren Denken des „Sowohl – Als Auch“ und einer klassichen Ästhetik des Schönen und Angenehmen. Auf einer anderen Ebene ist der Roman die spannende Geschichte einer Entführung und ihrer Folgen.

Mir aber erscheint von besonderem Gewicht James Hiltons Lob der Altersweisheit. Sie möchte ich hervorheben in einem Beitrag, den ich zu Ehren eines geachteten Freundes schreibe, dessen 60. Geburtstag wir feiern. James Hilton mag unsere gegenwärtige Langlebigkeit als Problem nicht vorausgesehen haben. Doch kann man den Roman als eine Verteidigung des Alters betrachten – gegenüber unseren neuzeitlichen Wünschen, ältere Menschen als geriatrisches Problem zu behandeln. „Alter ist eine Beschränkung, die wir über uns selbst verhängen“, sagte Pater Perrault in einer Szene des Films. Eines der Worte in der Bibel, das mich begleitet, ist „lebenssatt“. Es kommt im Roman oder Film nicht vor, doch könnte es einen Ort in ihnen haben. Man mag die in Schangri-La durch geheime Techniken und gesundes Leben hervorgerufene Langlebigkeit als Vitalismus verachten. Eine möglichst intakte Vitalität bis ins hohe Alter, das Hinauszögern des Todes allein bedeuten keine Erfüllung. Wie Conway einmal mit Recht sagte, kommt es nicht auf ein langes Leben an, sondern auf Lebenssinn. In Schangri-La wird Langlebigkeit als Chance begriffen, immerzu und lange weiterzulernen und die eigenen Fähigkeiten bis ins höchste Alter zu entfalten. Erst wenn die Lebenstriebe sich beruhigt haben, kann allmählich die Weisheit einziehen, entsprungen aus „Leidenschaftslosigkeit“ und „Geistesklarheit“. Dieses Vermögen des Alters wiegt seine zahlreichen Minderungen der Lebensqualität auf. Langlebigkeit ist eine Vorstufe zur Ewigkeit. Der Hohe Lama drückte es gegenüber seinem Nachfolger Hugh Conway so aus:

Jahre werden kommen und schwinden, und Sie werden von sinnlichen Genüssen auf erhabenere, aber nicht weniger lustvolle Gebiete übergehen. Sie werden vielleicht die Spannkraft der Muskeln und die Schärfe des Appetits verlieren, aber dieser Verlust wird durch manchen Gewinn ausgeglichen werden. Sie werden Gemütsruhe erlangen und Tiefgründigkeit, Reife und Weisheit und eine zauberhafte Klarheit des Gedächtnisses. Und was das Kostbarste von allem ist, Sie werden Zeit haben – diese seltene und wunderschöne Gabe, die Ihre westlichen Länder desto unwiederbringlicher verloren haben, je mehr sie hinter ihr her waren. Bedenken Sie für einen Augenblick: Sie werden Zeit zum Lesen haben – nie wieder werden Sie Seiten überfliegen, um Minuten zu sparen, oder ein Studium vermeiden, weil es Sie allzusehr beanspruchen könnte. Sie haben auch eine Vorliebe für Musik – hier finden Sie Noten und Instrumente, aber überdies ungestörte und unermeßliche Zeit, ihnen den üppigsten Genuß abzugewinnen. Auch sind Sie, sagen wir, ein Mann, der gute Kameradschaft liebt: Lockt es Sie nicht, die weisen und heiteren Freundschaften anzustreben, einen lange währenden, herzlichen Austausch geistiger Güter, von dem der Tod Sie nicht mit seiner gewohnten Eile hinwegrufen wird? Oder wenn Sie die Abgeschiedenheit vorziehen, könnten Sie nicht unsere Pavillons dazu nutzen, das edle Gut einsamer Gedanken zu bereichern? (S.133f.)

 

Forschungsreisen

James Hilton war nicht der einzige, der Tibet idealisiert hat. Unser vergangenes Jahrhundert hat mit großem Ernst und phantastischer Mühsal ein tatsächlich existierendes Ideal-Schangri-La gesucht. Diese Erwartung, Schangri-La existiere wirklich, wurde genährt von den magischen Erzählungen der eingeborenen Stämme Tibets, von den Vermutungen der Forschungsreisenden, die unerreichbare Gegenden mythifizierten. Madame Blavatsky, die Gründerin der Theosophischen Gesellschaft, beschwor ein geheimes Reich in Tibet namens Schambhala. Auch der russische Künstler und Forschungsreisende Nicholas Roerich suchte Schambhala auf mehreren Expeditionen. Beide blieben in Indien wohnen, Roerich blieb mit seiner Familie zeitlebens im Himalaya ansässig. Literaturwissenschaftler spekulieren, daß Roerichs Bücher die Inspiration für Hiltons Roman wurde (vgl. McRae, S.81). Der amerikanische Journalist Michael McRae beschreibt in seinem Buch „In Search of Shangri-La“ eine über hundert Jahre lang währende Suche nach einem Wasserfall in einer tiefen Schlucht, hinter dem sich angeblich ein Eden, ein Paradies, eben ein Schangri-La oder Schambhala auftut. Diese Schlucht, durch den der Fluß Tsangpo schießt, wurde das Ziel wagemutigster Entdecker, die den Wasserlauf erkundeten und die unerforschte Strecke immer mehr verkürzten. Der Amerikaner Ian Baker hat schließlich vor weniger als einem Jahrzehnt den Wasserfall gesehen und so die Lücke geschlossen. Darüber hat er in der angesehenen Zeitschrift „National Geographic“ geschrieben; mit seinem Buch „The Heart of the World. A Journey to the Last Secret Place“ (2004) ist er berühmt und reich geworden. Die deutsche Übersetzung, 2006 erschienen, ging schon nach einem Jahr in die zweite Auflage. Vorträge führen Ian Baker um die Welt. Er, der als buddhistisch inspirierter Sucher begonnen hatte, schließlich mit unerhörter Geduld und Durchhaltekraft – und mit enormem Ehrgeiz – das letzte Geheimnis entmythifizierte, hat sich gern vor dem mächtigen Wasserfall photographieren lassen. Als sei das Wasser nun gebändigt worden. Doch hinter den Wasserfall hat auch er nicht schauen können.

Die Initiation in die Weisheit des Älterwerdens ist wohl die Erkenntnis, daß wir zunächst Enge und Angst überwinden müssen und erst dann frei werden, um zu entdecken, frei zum Glück der Erfahrung. Weiterhin hat mich Schangri-La gelehrt, daß wir die Scheu vor dem Geheimnis bewahren müssen; wir dürfen es nicht einfangen und entschleiern und können es auch nicht.

Neversdorf, im Juni 2006

 

Lektüre

James Hilton: Der verlorene Horizont. Roman. Aus dem Englischen von Herberth E. Herlitschka. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 92000 (TB Nr. 10916) [Zitate nach dieser Ausgabe.] Außerdem: Piper Verlag, München 52006. Ursprünglich: Verlag Die Arche, Zürich 1951. [Original: Lost Horizon. Macmillan, London 1933].

Lost Horizon. (Columbia Pictures 1937; restauriert 1965). Regisseur Frank Capra. Columbia TriStar Home Video, London 2000.

Michael McRae: In Search of Shangri-La. The Extraordinary True Story of the Quest for the Lost Horizon. Penguin Books, London 2003.

Ian Baker: Das Herz der Welt. Aus dem Amerikanischen von Hans-Ulrich Möhring. Pendo Verlag, München/Zürich 22007.

Josef Pieper: Das Viergespann. Klugheit – Gerechtigkeit – Tapferkeit – Maß. Verlag Herder, Freiburg 1970 (Herderbücherei 361).

 

[*] Leider ist die Übersetzung schwach und teilweise fehlerhaft. Ich erlaube mir darum, einige vorsichtige Revisionen in den Zitaten anzubringen.

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