Rabindranath Tagore und Deutschland (“Südasien”)

In: Südasien Nr. 2 / 2011, S.4-9.

Martin Kämpchen

Rabindranath Tagore und Deutschland

Die Beziehungen und Kontakte Tagores zu deutschen Schriftstellern und Gelehrten zwischen 1913 und 1921

[Aus Anlaß seines 150. Geburtstags erinnern im Jahr 2011 zahlreiche Vorträge, Seminare und Veröffentlichungen an den indischen Dichter Rabindranath Tagore (1861-1941). Tagore besuchte Deutschland dreimal (1921, 1926 und 1930), seine Bücher, übersetzt aus dem Englischen, erschienen in hohen Auflagen im Kurt Wolff Verlag, doch wurde er mit Beginn der Nazizeit vergessen. Nach und nach wird Tagore, vor allem mithilfe von Übersetzungen aus dem bengalischen Original, neuentdeckt. In deutscher Sprache ist soeben das Buch „Rabindranath Tagore und Deutschland“ von Martin Kämpchen erschienen, das die Beziehungen Tagores zu deutschen Schriftstellern und Gelehrten chronologisch nachzeichnet. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags bringen wir einen Auszug aus den Anfangskapiteln, die die Zeit zwischen 1913 bis 1921 nachzeichnen.]

Der philosophische Schriftsteller Hermann Graf Keyserling hatte in den Jahren 1911–12 eine Reise um die Welt unternommen. Sein 1918 veröffentlichtes Reisetagebuch eines Philosophen wurde eines der einflussreichsten Bücher der Zwischenkriesgszeit. Keyserling begegnete der Tagore-Familie in Kalkutta, wohnte einer musikalischen Soiree bei und notierte folgende Sätze: »Es war eine denkwürdige Nacht. In den hohen Saal, von altertümlichen Gemälden behangen, paßten die edlen Gestalten der Tagores, mit den feinen, durchgeistigten Gesichtern, in den malerisch gefalteten Togas, prachtvoll hinein. […] Rabindranath, der Poet, beeindruckte mich gar wie ein Gast aus einer höheren, geistigeren Welt. Nie vielleicht habe ich so viel vergeistigte Seelensubstanz in einem Manne verdichtet gesehen.« [Hermann Keyserling, Reisetagebuch eines Philosophen, Frankfurt a. M. / Berlin 1980, S. 358 f.]. Offenbar erkannte er den Genius des Dichters, der bescheiden inmitten seiner Brüder saß und zuhörte.

Auch Rainer Maria Rilke wurde auf den indischen Dichter aufmerksam, noch bevor er im November 1913 den Nobelpreis für Literatur erhielt. Und zwar erwähnte er in einem Brief vom 20. September 1913 an Lou Andreas-Salomé einen Aufsatz »über Rabindranath Tagore, den bengalischen Dichter, von dem van Eeden gesprochen hat. Wichtig, wie mir scheint.« [Rainer Maria Rilke / Lou Andreas-Salomé, Briefwechsel, hrsg. von Ernst Pfeiffer, Frankfurt 1975, S. 300.] Der Arzt und Lyriker Frederik van Eeden war Tagores Übersetzer ins Holländische. Drei Monate später, Tagore war schon überraschend eine Berühmtheit geworden, kam Rilke auf den indischen Dichter zurück, diesmal angeregt von André Gide. Der französische Dichter war dabei, Tagores Gitanjali ins Französische zu übersetzen [L’offrande lyrique, Paris 1914] und las in Paris aus seinen Übertragungen vor. Rilke, der in Paris weilte und einer Lesung zuhörte, erwähnte, merkwürdig angerührt, die Übersetzung gegenüber dem deutschen Verleger Kurt Wolff. Wohlwissend, dass in Wolffs Verlag die deutsche Ausgabe vorbereitet wurde, schrieb Rilke am 6.Dezember 1913 aus Paris: »Der deutschen Ausgabe des Rabindranath Tagore sehe ich mit Spannung entgegen. Eben hat uns hier André Gide mit seiner Empfindung dieses Dichters vertraut gemacht, und seine Übertragung des Gitanjali, daraus er einige Proben enthusiastisch vorbrachte, scheint von der Strömung dieser Gedichte wirklich getragen zu sein. Die Buchausgabe ist eben im Verlag der Nouvelle Revue Française ausgegeben worden.« [Kurt Wolff, Briefwechsel eines Verlegers 1911–1963, hrsg. von Bernhard Zeller und Ellen Otten, Frankfurt a.M. 1966, S. 137.]

Als Rabindranath Tagore in Santiniketan, an dem Ort seiner Schule, die Nachricht bekam, dass er den Nobelpreis für Literatur erhalten hatte, überschlugen sich seine Schüler vor Freude. Tagore dagegen war alles andere als begeistert, zunächst. In ihm kämpfte sein natürlicher Wunsch nach Einsamkeit mit seiner Hoffnung auf Wirkung. Er freute sich einerseits über den Erfolg im Land der politischen Unterdrücker, dessen Kultur er gleichwohl hoch schätzte; anderseits blieb ihm bewusst, dass er zuerst der Dichter der Bengalen war und dieser Berufung treu sein musste. Sein missionarischer Geist aber strebte hinaus. Sein Idealismus sah sich als Stimme Indiens und Asiens, eingebunden in und in die Pflicht genommen von den großen gesellschaftlichen und kulturellen Zusammenhängen, die den asiatischem Osten und den europäisch-amerikanischem Westen umfassten. Tagore war der erste Nobelpreisträger außerhalb der westlichen Hemisphäre. Nun vertrat er gewissermaßen den gesamten Osten. Hermann Keyserling gratulierte mit großzügiger Freude und setzte den richtigen Akzent: »Ich war sehr froh, […] dass Ihnen der Nobelpreis verliehen worden ist. Nicht um Ihretwillen – denn Sie sind jenseits von Lobpreis und Preisen [beyond prizes and praises] – sondern um Indiens willen.« [Brief vom 14. Februar 1914.]

Einladungen strömten aus allen Richtungen. Doch eine Reise nach Europa blieb zunächst ausgeschlossen; der Erste Weltkrieg braute sich zusammen. In erstaunlicher Eile entstanden Übersetzungen des englischen Textes von Gitanjali.

Kurt Wolff wusste von dem Eindruck, den André Gides Übersetzung auf Rainer Maria Rilke gemacht hatte und kam nun auf die Idee zu fragen, ob Rilke selbst nicht eine Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche wagen wolle. Ende 1913 schrieb er an Rilke und erhielt am 7. Januar 1914 ein ablehnendes Telegramm aus Paris und darauf eine ausführliche Begründung des Dichters. Sie zeigt die Möglichkeiten und Grenzen einer Verständigung zwischen indischer Literatur und deutschsprachigen Lesern. Rilke schrieb [zit. nach: Kurt Wolff, Briefwechsel eines Verlegers 1911–1963, hrsg. von Bernhard Zeller und Ellen Otten, Frankfurt a.M. 1966, S. 138 f.]:

 

Lieber Herr Kurt Wolff, –

ein heller, sonniger Tag –, ich habe Ihren Vorschlag auf einen weiten Weg mitgenommen, da ja so schwierige Fragen im Gehen eher zu bewältigen sind und sich draußen, gleichsam von selbst, in eine größere Ordnung einstellen, als wenn man sie angestrengt über dem Schreibtisch sinniert. Dann, auf dem Rückweg, telegraphierte ich Ihnen: verneinend. Nicht leicht: denn einmal sage ich Ihnen ungern ab, und ferner lag ja auch in der Sache selbst – wie Sie gefühlt haben mögen – eine Menge Versuchung. Nun ist da ein Gegengrund, der eigentlich alle anderen Gründe überflüssig macht: ich entdecke zu der angeregten Aufgabe in mir nicht jene unwiderlegliche Berufung, aus der allein die endgültige, durchaus verantwortliche Leistung hervorgehen könnte. Zwar kommt mir manches aus diesen Strophen sehr nahe, aber es wird mir, sozusagen, von einer Woge von Fremdheit zugetragen, deren Bewegung ich kaum wiederzugeben verstünde, ohne mir irgendwie Zwang anzuthun. Das mag zum Theil in dem geringen Verhältnis begründet sein, das ich zur englischen Sprache empfinde; ich entfremde ihr so rasch, daß ich mich immer wieder ohne vielfachen Beistand in ihr nicht zurechtfinden kann. Auch hab ich mich mit einigen Übertragungen aus anderen Sprachen eingelassen, kleinen Versuchen, die neben der eigenen Arbeit weitergehen, nicht der Rede werth, aber mir, im Stillen, doch zu lieb, um mich von ihnen fortzuentschließen; ein Entschluß zu so bedeutendem Unternehmen würde ja überdies nicht nur sie, sondern alles Eigene, das mich beschäftigt, für eine Weile überwiegen; das aber wäre mir jetzt gerade, offengestanden, schmerzlich, da ich mich hier, in völliger Abgeschlossenheit, mehr dem wirklich Innern hinzugeben hoffte, als der Nachbildung schon geäußerter, wenn auch noch so schöner Dinge.

 

Damit zerschlug sich die Hoffnung, auch in deutscher Sprache einen bedeutenden Dichter als Förderer oder Übersetzer von Tagores Buch zu gewinnen. In England war es William Butler Yeats, in Frankreich André Gide, in Spanien Juan Ramón Jiménez und in Russland Boris Pasternak, die sich etwa zur gleichen Zeit für Tagores lyrische Prosa einsetzten.

Die Reaktion der deutschsprachigen Presse auf Rabindranath Tagores Nobelpreis war keineswegs einstimmig positiv. Im deutschen Sprachraum hatte Peter Rosegger als Favorit für den Nobelpreis gegolten, mehrere Nationen hatten andere Namen propagiert. Nun musste man sich auf einen fremdländischen, schwer auszusprechenden Namen einstellen. Missgunst und Neid waren ebenso an der Tagesordnung wie Ratlosigkeit, weil die deutsche Öffentlichkeit noch nichts von dem indischen Dichter lesen konnte, bis im Januar 1914 Hohe Lieder (Gitanjali) erschien. Die Kritik war unentschieden: einerseits idealisierend und lobend, sarkastisch ablehnend anderseits. Insgesamt herrschte Unsicherheit vor, wie man dem neuen Stern am Literaturhimmel gerecht werden könne. Im selben Jahr brachte Kurt Wolff zwei weitere Bände heraus: Chitra, ein »Spiel«, das Kurt Wolffs erste Frau, Elisabeth Wolff-Merck, übersetzt hatte, und eine zweite Sammlung lyrischer Prosa, Der Gärtner. Per Hallström vom schwedischen Nobelpreiskomitee veröffentlichte einen Lebensabriss Tagores, der aber so stark Legende und Romantisierung mit der Wirklichkeit durchmischte, dass man den Menschen Tagore darin nicht entdecken konnte. Ihm wurde der Titel eines Maharaja angedichtet, er lebe in seinem Palast in fabelhaftem Reichtum, er sei Hoher Priester seiner Religion – und dergleichen mehr. Erst 1921, im Jahr von Tagores erstem Deutschlandbesuch, sollten mehrere informierte deutsche Studien über den Dichter und Menschen erscheinen. Die Kriegsjahre unterbrachen die Rezeption Tagores in Deutschland. Doch ab 1918 erschienen jährlich wieder mehrere Bände. Bücher, die der Verlag Macmillan in London druckte, erschienen umgehend in deutscher Übersetzung. Der Höhepunkt kam 1921, als sage und schreibe sieben neue Bücher sowie die achtbändigen Gesammelten Werke herauskamen. Der Verlag gab an, bis 1923 eine Million Tagore-Bücher gedruckt zu haben!

Nach dem Ersten Weltkrieg, ab Mitte 1920, reiste Tagore unermüdlich. Die internationalen Konflikte überzeugten ihn davon, dass der Nationalismus ein Übel ist, gegen das er ankämpfen musste. Er kritisierte die militanten Nationalismen und forderte zur Völkerverständigung auf. Deutschland wollte er besuchen, um das Volk nach der Niederlage des Ersten Weltkriegs zu trösten und zu unterstützen, damit es seinen idealen Werten treu bleibe. Der bisher öffentlichkeitsscheue Mann, der sich seines Englischs unsicher war und die Muße eigentlich mehr schätzte als die Umtriebigkeit, hatte plötzlich sein Thema gefunden, das er als seinen Beitrag und den Beitrag Indiens zum Weltfrieden anbot: Das gegenseitige Kennenlernen und die Verständigung zwischen ›Ost‹ und ›West‹. Damals ging es noch an, diese – inzwischen zum Klischee verkommenen – Begriffe in Unschuld zu benutzen. Tagore war, auf zwei Formeln verkürzt, davon überzeugt: Erstens, dass Indien und der ›Osten‹ einen definitiven und notwendigen Beitrag zum Weltfrieden leisten konnten, der in seinem geistigen Erbe begründet lag. Zweitens, dass der ›Westen‹ trotz seines Imperialismus und seiner materialistischen Dominanz nicht als Gegner, sondern als Partner des ›Ostens‹ zu betrachten sei. Der ›Osten‹ benötige den ›Westen‹ wegen seiner Kultur, seiner Dynamik, seiner Schaffenskraft.

Doch bevor wir Rabindranath Tagore auf seiner Deutschlandreise von 1921 folgen, soll ein stilleres, aber ebenso wesentliches Ereignis angezeigt werden: Helene Meyer-Franck, die wichtigste Übersetzerin von Tagores Werken ins Deutsche, und ihr Ehemann Heinrich Meyer-Benfey begannen ihre Korrespondenz mit dem indischen Dichter. Sie währte 18 Jahre und ist die bedeutendste, die Tagore mit deutschsprachigen Briefpartnern geführt hat. Der Briefwechsel begleitete Tagore und dieses treue Ehepaar vom höchsten Ruhm des Dichters in Deutschland bis ins Vergessen während der Nazizeit, von den kraftvollen und reisebewegten Zeiten bis zu den Jahren der Erschöpfung und Krankheit. Ich entdeckte Rabindranath Tagores 17 Briefe (zusammen mit etlichen Briefen seines Sohnes Rathindranath) bei Helene Meyer-Francks Verleger Otto Melchert in Hamburg. Heute liegen sie im Deutschen Literaturarchiv Marbach. Helene Meyer-Francks Briefe und die ihres Mannes werden im Rabindra-Bhavan von Visva-Bharati, Santiniketan, aufbewahrt [vgl. Rabindranath Tagore / Helene Meyer-Franck und Heinrich Meyer-Benfey, »Mein lieber Meister«. Briefwechsel 1920–1938, hrsg. von Martin Kämpchen und Prasanta Kumar Paul, aus dem Engl. von Ingrid von Heiseler, Heidelberg 2011].

Den Winter 1920/21 verbrachte Tagore in den USA, im März 1921 betrat er wieder europäischen Boden, besuchte Großbritannien, Frankreich, die Schweiz, durchquerte Deutschland, um nach Dänemark und Schweden zu kommen, wo er formell und feierlich den Nobelpreis entgegennahm. Vom 12.Mai bis zum 15. Juni führte sein Weg durch Deutschland – ausgenommen die genannte Unterbrechung in Skandinavien. Schon auf dem Weg nach Nordeuropa verbrachte er eine Woche in Hamburg. Auf der Rückreise machte er Station in Berlin, dann in München und schließlich in Darmstadt, um als Gast von Hermann Keyserling und dem Großherzog von Hessen eine Woche in dessen Palast zu verbringen und täglich zum Volk zu sprechen. Sie ist als »Tagore-Woche« (9. bis 14. Juni) bekannt geworden. Die nächsten Stationen waren Frankfurt, Salzburg und Wien, bevor Tagore über Prag und Paris nach Marseille fuhr, um sich von dort nach Indien einzuschiffen.

Rabindranath Tagore und sein Sohn Rathindranath, der ihn auf dieser Reise begleitete, kündigten ihre Ankunft in Hamburg wieder mehrmals an, um sie immer neu zu verschieben. Plötzlich und kurzfristig meldeten sie sich dann bei Helene Meyer-Franck und ihrem Ehemann an. Das war Tagores Reisestil – ohne im Voraus zu planen, setzte er seine Route nur wenige Tage vorher fest. Die Gastgeber hatten keine andere Wahl, als sich nach ihm zu richten. In diesem Fall lehnte es Tagore sogar kurz und trocken ab, die schon vereinbarte Gastfreundschaft des Ehepaars anzunehmen. Mit Recht fühlte sich Helene Meyer-Franck verletzt und schrieb den schönsten Brief dieser langen Korrespondenz, in dem sich Entrüstung und eine geradezu religiöse Verehrung auf subtile Weise mischen.

Auch Rabindranath zeigte Größe. Nachdem er diesen Brief empfangen hatte, begab sich der Nobelpreisträger sogleich zum Haus von Helene Meyer-Franck und übernachtete auch dort, wie ursprünglich vorgesehen. Die nächsten Tage verbrachte das Ehepaar in engem Kontakt mit dem Dichter. An seinen britischen Freund, den Missionar C. F.Andrews, der zu Tagore nach Santiniketan gezogen war, schrieb er: »Sie ist eine liebenswürdige Frau, und ihre Verehrung für mich ist edel [pathetic]. Ich sage edel, denn ich fühle, dass ich ihrer nicht wert bin.« [Brief vom 16. 5.1921, Rabindra-Bhavan, Visva-Bharati, Santiniketan.]

Schon bevor Tagore deutschen Boden betrat, drängte Hermann Keyserling den indischen Dichter, Darmstadt und seine neu gegründete ›Schule der Weisheit‹ zu besuchen. Keyserling wollte ihn für sich buchen, seinen Ruhm und seine Ausstrahlung für sich und seine Schule nutzen. Tagore solle Darmstadt zum Mittelpunkt seiner Tätigkeit machen, keinerlei andere Termine annehmen und die Darmstädter Termine strikt einhalten. Das geistige Deutschland solle zu ihm (und Keyserling!) kommen, anstatt dass Tagore umherreise. »I strongly advise you to choose this little town«, nämlich Darmstadt, donnerte der Graf. [Brief vom 7. 5.1921, Rabindra-Bhavan.] Helene Meyer-Franck, vornehm und zurückhaltend, warnte den Dichter. Doch hatte Tagore schon einen Brief an den stürmischen Philosophen abgeschickt [Brief vom 20. 5.1921, Rabindra-Bhavan.], der wiederum ein Modell würdevoller Demut war und die moralische Kraft des Dichters demonstrierte:

 

Ich verstehe vollkommen Ihren freundlichen Wunsch, mir die Mühe unnötigen Reisens und die Anstrengung, Fremde zu treffen, zu ersparen. Doch das kann ich nicht umgehen, es ist Teil meiner Mission. Ich würde mir niemals verzeihen, wenn ich versuchte, meine Bemühungen einzuschränken und meine Reisen auf einen zu engen Raum zu begrenzen. […] Meinem ganzen Herzen widersteht die Idee, ein besonderes Forum für mich zu errichten, damit mir Verehrung von dem Volk bezeugt würde und ich die Rolle eines Lehrers für jene spielen könnte, die mich achten. Ich flehe Sie an, keine Situation zu schaffen, die meiner Natur zuwider wäre.

 

Hastig schrieb Keyserling zurück, er wolle den Dichter durchaus nicht monopolisieren. Das Ergebnis war, dass sich Tagore nur eine knappe Woche lang in die Hände des Philosophen begab. Jener bereitete sie in Einzelheiten vor, lud viele Menschen mit Rang und Namen ein, doch betonte er stets – in aller Öffentlichkeit (auch in den Zeitungen, die natürlich eine breite Zuhörerschaft anlockten!) –, die Versammlungen blieben klein, zwanglos, intim. Viele bedeutende Personen erschienen, andere lehnten ab. Unter denen, die ablehnten, war Thomas Mann. Keyserling drängte Mann, einen werbenden Aufsatz über Tagore und dessen geplanten Auftritte in Darmstadt zu veröffentlichen und selbst zur Tagore-Woche anzureisen. Manns Kommentar in seinem Tagebuch: »Fataler Brief vom Grafen Herm. Keyserling in Sache des Rabindranath Tagore u. seines Aufenthaltes in Darmstadt, wozu mein Kommen kategorisch verlangt wird. [Thomas Mann, Tagebücher 1918–1921, hrsg. von Peter de Mendelssohn, Frankfurt a.M. 1979, S. 519, Eintrag vom 17. 5.1921.] Drei Tage darauf verfasste Mann seinerseits einen schlauen Brief [Thomas Mann, Briefe 1889 – 1936, hrsg. von Erika Mann, Frankfurt a. M. 1961, S. 188 f.], der dezidiert seine Meinung zu Tagore ausdrückte, jedoch so, dass er den großen Balten nicht vergraulte. Darin heißt es:

 

Lieber und verehrter Graf Keyserling,

herzlich danke ich für Ihren Brief, der etwas so Hinreißendes hat, daß nicht viel fehlte und ich hätte sofort aufgepackt, um nach Darmstadt zu fahren, was freilich leichter gethan wäre, als einen Artikel und noch dazu einen werbenden, aufrufenden Artikel über den berühmten Inder zu verfassen, zu dem ich, ob Sie es glauben der nicht, bis heute gar kein oder kaum ein Verhältnis habe. Ich kenne einzelne, sehr seelenvolle Gedichte von ihm, die aber, da ich sie auf deutsch las, wie alle übersetzte Lyrik, doch keine recht unmittelbare Wirkung auf mich ausübten. Das Bild, das ich mir immer von ihm machte, ist malerisch, aber blaß, und gewiß that ich unrecht, von dieser subjektiven Blässe seines Bildes auf eine objektiv vorhandene zu schließen und mir den Mann und Dichter allzu pazifistisch-indisch vorzustellen, beseelt von einer etwas anämischen Humanität und prinzipiellen Milde, die ich in den Jahren, als mein Gefühl in harten Kampf verstrickt war, fast als feindselig empfand. Der Mann ist sicher ganz anders. Da er auf Sie gewirkt hat, wie es aus Ihrem Briefe hervorgeht, muß er groß sein. Aber da Sie es sind, der unter seinem persönlichen Eindruck steht, – wie können Sie nur irgend jemand anders, z. B. mich, für den richtigen Mann halten, den Aufruf zur Darmstädter Tagore-Woche zu schreiben? Das müssen Sie selber thun! Mit der schönen und unmittelbaren Begeisterung Ihres Briefes müssen Sie es thun …

 

Wie nicht anders zu erwarten, reagierte Keyserling ungnädig: Thomas Mann: »Pikierte Karte von Keyserling, weil ich mich weigere, zum Besuch Tagore’s nach Darmstadt zu kommen, was gar keinen Sinn hätte.« [Thomas Mann, Tagebücher 1918–1921, hrsg. von Peter de Mendelssohn, Frankfurt a.M. 1979, S. 527, Eintrag vom 4. 6.1921.] Als Tagore, noch vor dem Darmstädter Besuch, tatsächlich Gast von Kurt Wolff in München war, konnte Thomas Mann nicht umhin, den Vortrag an der Universität und den Empfang in Wolffs Villa zu besuchen. Wie Mann auf Tagore reagierte, entbehrte nicht der Komik: »Abends zum Vortrag R.Tagore’s in die Universität. Saß vor K.Wolf [sic], neben Björnson, begrüßte die Pilar. Merkwürdiger, aber ziemlich genau anticipierter Eindruck von dem Indier. Zu Fuß nach Haus. Tagore wünscht meine Bekanntschaft, trägt morgen bei Wolf vor, wozu wir geladen.« [Ebd., S. 529, Eintrag vom 7. 6.1921.] Und am nächsten Tag: »Fuhr um 11 mit K. zu Kurt Wolf zum Vortrag des R.Tagore. Ausgewählte Gesellschaft. Der Eindruck einer feinen alten englischen Dame verstärkte sich. Sein Sohn, braun und muskulös, maskuliner Typus. Ich wurde vorgestellt, sagte: It was so beautiful und schob K. vor ›my wife, who speaks english better than I.‹ Er hat meine Identität wohl nicht aufgefaßt.« [Ebd., S. 529 f., Eintrag vom 8. 6.1921.] Mann hatte also unter einem Vorwand seine Frau Katja vorgeschoben und sie die Konversation machen lassen, damit er mit dem »Indier« nichts zu tun haben musste. Horribile dictu, der Weise aus dem Morgenland hatte den deutschen Großdichter nicht einmal erkannt!

Nur zu verständlich, dass der Ironiker Thomas Mann zu Tagores romantischen, oft weihevoll anmutenden Prosa-Übersetzungen kein Verhältnis entwickelte und das Ansinnen Keyserlings ausschlug. Thomas Mann übrigens war einer der wenigen, der Tagores lyrische Prosa problematisierte, weil sie Übersetzungen waren, der also die Crux von Tagores literarischem Ruhm ahnte.

Auch ohne Thomas Mann wurde die »Tagore-Woche« ein Erfolg. Zwar klagte Keyserling später über die Kritiker, die sein pompöses Auftreten anprangerten. Tatsache jedoch bleibt, dass bis heute über das Ereignis geschrieben und seiner feiernd gedacht wird. In Darmstadt erschienen unter anderen der Marburger Philosoph Paul Natorp, der Religionsphilosoph Martin Buber, der Marburger Theologe Rudolf Otto, der Kulturphilosoph Leopold Ziegler, die Schriftstellerin Helene von Nostitz, Tagores Verleger Kurt Wolff, der Indologe Heinrich Jacobi und der Sinologe Richard Wilhelm. Martin Buber berichtete vorsichtig differenzierend über seine Erfahrungen in Darmstadt und artikulierte dabei den Tenor der damaligen Meinung, nämlich: Während Rabindranath Tagores Persönlichkeit in ihrer Würde und Schlichtheit beeindruckend war, erschien der Rahmen, in den er dort in Darmstadt (und allgemein in Deutschland) hineingestellt wurde, unpassend. Man beutete die Exotik seiner Erscheinung aus, achtete auf Äußerlichkeiten, sensationalisierte das Ereignis.

Am eindrucksvollsten hat Kurt Wolff die Darmstädter Tage charakterisiert, und zwar eben nicht als eine Demonstration der Synergie zweier großer Persönlichkeiten, der Vertreter von ›Ost‹ und ›West‹, sondern als einen Gegensatz. Wolff war anwesend, doch trat er offenbar nicht mit Tagore in Erscheinung. In seinem schon zitierten Radio-Essay schrieb Wolff [Kurt Wolff, Rabindranath Tagore, (masch.) (Privatarchiv Wolfram Göbel, Berlin), S. 9 f.]:

 

Ein grösserer Gegensatz der Persönlichkeiten als der zwischen Tagore und Keyserling war kaum denkbar. Tagores Grösse lag in der vollkommenen Identität von Lehre und Sein, der reinen Harmonie seiner Persönlichkeit. Keyserlings Bedeutung lag in seiner hohen Intelligenz und einer seltenen Fähigkeit, das Gedankengut Anderer blitzschnell aufzunehmen und Dritten zu vermitteln – wobei ihm oft Formulierungen gelangen, klarer, präziser, verständlicher als die des Urhebers. Tagore, kein Philosoph, repräsentierte in seiner Haltung genau das, was wir uns unter einem Philosophen vorstellen, vorzustellen wünschen. Keyserling, der Philosoph, musste wohl jedem, der ihn kannte, als das Gegenteil eines solchen erscheinen, mit seinen Affekten und Emotionen, seiner alkoholischen Instabilität. Am eindrucksvollsten empfand man im Zusammensein mit Tagore die Fähigkeit zum Zuhören und zum Schweigen. Ein Dialog mit Keyserling war fast eine Unmöglichkeit: es blieb ein Monolog, bei dem der andere von Wort-Kaskaden pausenlos überschüttet wurde. So erschien mir – wie gewiss vielen anderen

Anwesenden – das Zusammensein der Beiden ein erschreckendes Beispiel der Gegensätze Ost – West, peinlich für die Augen- und Ohrenzeugen.

 

Die meisten Feuilletonisten hielten sich lange an dem Äußeren des indischen Dichters auf. Sie beschrieben seine schönen Augen, sein nobles Antlitz, seine hohe Stimme, seine wallenden Gewänder und ließen eine naive Bewunderung erkennen. Man nannte ihn Gott Vater, Prophet, einen Weisen, Mystiker, Eremiten, orientalischen Fürsten und ähnliches. Kritiker verurteilten gerade dieses Äußere als Pose. Sie fragten, ob sie etwa berechnend um des Ruhmes und Geldes willen gepflegt werde. »Tagore-Kult«, »Tagoremache« und »Tagore-Rummel« waren häufig gebrauchte Begriffe. Die Ost-West-Polarität, die Tagore selbst gern ins Spiel brachte, wurde in vielen Artikeln reflektiert. Einerseits sah man Tagore als einen Heiland, einen Erlöser aus dem Osten, der das deutsche Volk von seiner Erniedrigung erretten wollte. Anderseits verübelte man ihm gerade seine orientalische Milde und Passivität und hielt sie für einen schwächenden Einfluss; denn Deutschland brauche das ›Dynamische‹, wenn nach dem Krieg der Wiederaufbau gelingen sollte. Andere sprachen Tagore das Recht ab, als Mann des Ostens über die Einheit von Ost und West zu sprechen, weil ihm jede wirkliche Erfahrung mit dem Westen, seinen Problemen, seinem Schicksal, fehle. Perfide war die mehrmals vorgebrachte Beschuldigung, Tagores Ruhm beruhe auf einer jüdischen Verschwörung, Tagore selbst sei ein jüdischer Gelehrter, wobei sein Vorname »Rabi« als »Rabbi« (Rabbiner) missverstanden wurde.

Tagores ungewöhnliches Aussehen provozierte auch Spott. Er war die plumpste Waffe gegen den moralischen Pathos Tagores, denn er formuliert keinerlei Argumente. »Klimbimdranath« höhnte eine Gazette. Tagores Ausstrahlung weckte erotische Gefühle in den Frauen, was zum Beispiel die Karikaturen des Simplicissimus ausschlachteten und den Zeitungen tausend Anspielungen wert war.

Wie hat Rabindranath Tagore auf die Bewunderung, auf die Verehrung reagiert, die ihm die Deutschen in jenem Jahr entgegenbrachten? Seinem britischen Freund C. F. Andrews schrieb er: »Es war für mich eine wunderbare Erfahrung in diesem Land! Solchen Ruhm, wie er mir gegeben wurde, kann ich gar nicht ernst nehmen. Er wurde zu bereitwillig gegeben, und zu unmittelbar. Er hatte nicht die Reife durch die Zeit [the perspective of time]. Und darum fühle ich mich geängstigt und erschöpft und sogar traurig.« [Rabindranath Tagore, Letters to a Friend, hrsg. von C. F. Andrews, New York 1929, S. 171.]

 

Aus: Martin Kämpchen, Rabindranath Tagore und Deutschland, 92 Seiten, zahlreiche farbige Abb., broschiert, Marbach am Neckar: Deutsche Schillergesellschaft, 2011 (Marbacher Magazin 134), ISBN 978-3-937384-71-9

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