Indien in der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts (“Meine Welt”)

[Vortrag  am 22. Januar 2010 im German Department der Universität Bombay; abgedruckt in "Meine Welt" 2011]

Indien in der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts

von Martin Kämpchen

Deutschland als Land in der Mitte Europas hat sich geistig stets nach außen orientiert und Einflüsse aus anderen Gegenden der Welt bereitwillig aufgenommen. Deutschland hat sich im Wesentlichen nach drei Richtungen orientiert: nach dem Süden, dem Westen und dem Osten. Im Süden fand das geistige Deutschland Griechenland und vor allem Italien, das „Land, in dem die Zitronen blühen“. Italien wurde mit Sonne, mit klassischer Schönheit, mit landschaftlicher Anmut und einer Leichtigkeit des Lebens assoziiert. Schon vor Goethes „Italienischen Reise“ begann die Italiensehnsucht; und sie hat bis heute nicht aufgehört. Im Westen fand Deutschland den Kontinent Amerika, in dem sich Menschen noch in Abenteuern bewährten, in dem Forschergeist Neues entdeckte und Menschen eine neue Existenz aufbauen konnten. Schließlich orientierte sich die deutsche Kultur nach Osten, entdeckte die melancholische, schwere Seele Russlands, fand China und Japan und Indien. Es gab keine allgemeine Ostsehnsucht, die diese vier Kulturländer gemeinsam umfaßte. Sondern die Sehnsucht richtete sich stets auf eine spezielle Kultur, entweder auf China oder Japan oder Indien.

Die Indien-Sehnsucht wurde in Deutschland von den Romantikern am Anfang des 19. Jahrhunderts entfacht. Die Kenntnisse über Indien bezogen sie aus den Beschreibungen einiger Reiseschriftsteller und den unvollkommenen, meist über dritte Sprachen bewerkstelligten Übersetzungen philosophischer Werke. Umso mehr konnte darum die Phantasie die Vorstellung über Indien beleben. Die deutschen Romantiker sahen in Indien die „Wiege der Menschheit“ und die Inder als den Typus des naiven, kindlich-ursprünglichen Menschen. Doch begann die wissenschaftliche Beschäftigung mit Indien sehr früh. Im Jahr 1808 wurde der erste Lehrstuhl für Indologie von August Wilhelm Schlegel in Bonn besetzt  Das Interesse für Indien entfaltete sich auf drei Ebenen: auf der Ebene der Reiseliteratur, auf der Ebene von Literatur und Mythos und auf der Ebene der Philosophie und Philologie.

Deutschlands Indienbeziehung ist von Anfang frei von kolonialem und kommerziellem Interesse gewesen. Während sich England als Kolonisator ein pragmatisches Bild von Indien schuf, konnte Deutschland seine Wunschvorstellungen, seine zivilisatorischen Enttäuschungen, seine Europamüdigkeit uneingeschränkt auf Indien projizieren und von Indien die Erneuerung der Menschheit erwarten. Auch große Indologen wie Max Müller bauten an dem Klischee einer Polarität von „spirituellem Osten“ und „materialistischem Westen“, ganz zu schweigen von den großen indischen Persönlichkeiten des 19. und beginnenden 20. Jahrhundert wie Vivekananda, Aurobindo, Tagore und Radhakrishnan.

Unterschwellig setzte sich die Romantisierung und Idealisierung Indiens hartnäckig fort und wirkt heute in zahlreichen Illustrierten- und Zeitungsreportagen und in Fernsehsendungen weiter.

 

Reiseliteratur um die Jahrhundertwende

Als Gegenbewegung begann um die Wende zum 20. Jahrhundert eine Reiseliteratur, die Indien realistisch und genau darstellte. Schriftsteller, die sich Indien zum Thema wählten, brauchten sich seitdem nicht mehr nur auf ihre Phantasie zu verlassen. Ihr Indienbild konnte – und mußte – realistisch gefüllt werden. Unterwegs waren vorwiegend Adelige und Diplomaten oder Ehefrauen von Diplomaten und zeichneten ihre Erlebnisse auf. Reiseberichte veröffentlichten Persönlichkeiten wie

* Franz Ferdinand, Erzherzog von Österreich-Este

* Rupprecht, Kronprinz von Bayern

* Irma Prinzessin Odescalchi

* Hans-Hasso von Veltheim-Ostrau

* Marie von Bunsen

* Elisabeth von Heyking.

Sie reisten meist mit großem Aufwand und Gefolge und erlebten und beschrieben Indien aus der Perspektive des beherrschenden Europa. Auch Wissenschaftler waren unterwegs und sammelten nicht nur Material für ihre Forschungen, sondern sie zeichneten auch ihre Reiseerlebnisse auf. Unter ihnen waren bedeutende Gelehrte wie der Zoologe Ernst Haeckel und die Indologen Paul Deussen und Helmuth von Glasenapp.

 

Indien-Reisen bedeutender Schriftsteller 1900-1914

Es dauerte kaum zwei Jahrzehnte, bis auch die Schriftsteller zu reisen begannen. Sie reisten weniger aus Abenteuer- und Forscherlust, wie die erstgenannte Gruppe, sondern um sich neue geistige Erfahrungswelten zu schaffen. In der Zeit des Aufbruchs zwischen 1900 und 1914 begannen deutsche Schriftsteller zum ersten Mal Indien nach eigenen Erlebnissen zu beschreiben und ihre erzählenden Schriften über Indien auf Selbsterlebtes zu gründen. Ich nenne hier jene bekannten Schriftsteller deutscher Sprache, deren Werke bis heute gelesen werden und die Indien zwischen 1900 und 1914 bereist und, nach Europa zurückgekehrt, beschrieben haben:

* Waldemar Bonsels, 1904

* Max Dautendey, 1905-06 (und später)

* Rudolf Kassner, 1908

* Stefan Zweig, 1908-09

* Hanns Heinz Ewers, 1910

* Hermann Hesse, 1911

* Hermann Keyserling, 1911-12

* Melchior Lechter, 1910-11 (anfangs mit Karl Wolfskehl)

* René Schickele, 1913

Am Anfang des 20. Jahrhunderts war der Weg nach Indien noch beschwerlich. Dennoch hatten sich entscheidende Kommunikationswege geöffnet, die frühe Reisende noch nicht nutzen konnten. 1869 wurde der Suezkanal eröffnet, der den Seeweg von Europa nach Indien bedeutend abkürzte. Die Dampfschifffahrt begann internationale Routen zu fahren, Reiseagenturen, etwa Thomas Cook, erleichterten die Fernreisen und die erste telegraphische Verbindung zwischen Europa und Indien wurde eröffnet. Die britische Kolonialregierung baute ein umfassendes Eisenbahnnetz in Indien. Reisen nach Indien und innerhalb Indiens waren also nicht länger ein Abenteuer ins Unbekannte.

Doch mit Beginn des Ersten Weltkriegs hörte diese Reisewelle abrupt auf. Eine ähnliche Welle schriftstellerischen Interesses setzte erst viel später ein, nach 1950 – als der Erste Weltkrieg, die wirtschaftlich schwierigen 20er Jahre und die Hitler-Diktatur sowie der Zweite Weltkrieg vorüber waren.

Von den hier genannten Schriftstellern sind Hermann Hesse und Hermann Keyserling die zweifellos bedeutendsten. Auch ihre Werke über Indien hatten in ihrer Zeit und haben bis in unsere Gegenwart die größte Wirkung. Hermann Keyserlings epochales Buch Reisetagebuch eines Philosophen (1918 erschienen), hat ein langes Kapitel über Indien, das er von Sri Lanka aus vom Süden bis in den Norden bereiste. Mit diesem vielgelesenen Buch, das den Philosophen Hermann Keyserling berühmt machte, verwandelte er das Reisen in eine hohe Kunst und das Reisebuch in eine Darstellung der eigenen Weltanschauung und eigenen Gedanken, die er an dem Erlebten spiegelt. Er sieht Reisen als ein Weg der Selbstfindung; deshalb stellt er dem Buch das Motto voran: „Der kürzeste Weg zu sich führt um die Welt.“ Nur der Weg in die Fremde kann ihn vor dem immer gleichen Europa retten. Er schreibt: „Europa fördert mich nicht mehr. Zu vertraut ist mir schon diese Welt, um meine Seele zu neuen Gestaltungen zu zwingen.“

Keyserling findet kühne Assoziationsketten im Anblick der klassischen Bauwerke und der Landschaften Indiens. Mit seinem Buch schafft er eine moderne Version der klassischen Bildungsreise. Allerdings geben seine Darstellungen der Philosophien und Religionen Indiens seine subjektive Meinung zu diesem Philosophien und Religionen wieder, weniger diese Philosophien und Religionen selbst. Im Jahr 1920 gründete Hermann Keyserling die „Schule der Weisheit“ in Darmstadt, eine Akademie, die dem Ashramleben des alten Indien nachempfunden war. Er lud 1921 Rabindranath Tagore zu Vorträgen ein, die bis heute als „Tagore-Woche“ umschrieben werden.

Hermann Hesse hat das Festland Indien nie betreten. Und doch hat er seinem Tagebuch und seinen Aufzeichnungen über Sri Lanka und Indonesien den Titel Aus Indien (1913) gegeben. Hesse, der sich in seiner Phantasie ein ideales Indien im Sinne der Romantiker aufgebaut hatte, kehrte tief enttäuscht von der Realität Indiens nach Europa zurück. Seine Eltern waren beide Indien-Missionare gewesen, sein Großvater war Hermann Gundert, einer der bedeutenden Indien-Missionare seiner Zeit und ein bis heute vielgenannter Erforscher des Malayalam, der Sprache Keralas. In den Erzählungen der Eltern und des Großvaters hatte Hermann Hesse zuerst über Indien gehört. Erst ein Jahrzehnt nach seiner Reise hat Hesse zu seinem „idealen Indien“ der Einheits-Philosophie und des Pantheismus zurückfinden können, nämlich als er seine Lese- und Reiseerlebnisse in der „indischen Dichtung“ Siddhartha (1922) zusammenfaßte. Wieder ein Jahrzehnt später fand die Indienreise einen weiteren, in eine noch stärkere ideale Abstraktion gerückten Widerhall in dem Roman Morgenlandfahrt (1932). Darin wird Indien als Ziel der menschlichen Sehnsucht, als zeitenthobenes Paradies menschlicher Erfüllung mythifiziert. Hermann Hesse, der – einsiedlerisch wie er war – keinen der bedeutenden indischen Persönlichkeiten seiner Zeit kennenlernte, weder Mahatma Gandhi noch Rabindranath Tagore noch Subhash Chandra Bose, hat dennoch den bedeutendsten kleinen Briefwechsel mit einem Inder hinterlassen, der in deutscher Sprache besteht: nämlich den Briefwechsel mit dem bengalischen Historiker Kalidas Nag. Sie trafen sich in Lugano und hielten sich jahrelang brieflich die Treue.

Außer Keyserling und Hesse hat keiner der genannten Schriftsteller Werke über Indien von bleibendem Wert oder besonderem Einfluß auf die Indien-Rezeption geschaffen. Mit allerdings einer Ausnahme: Waldemar Bonsels. Sein Name bleibt bekannt, weil der Roman  Die Biene Maja und sein Bericht Indienfahrt (1916) ungewöhnlich erfolgreich gewesen sind und bis heute immer wieder aufgelegt werden. Bonsels war sechs Monate in Indien als Kaufmann bei der Basler Mission. Er setzte bei der Indien-Idealisierung der Romantiker an und verzerrte sie bis zur Karikatur. Für die politische und soziale Situation Indien hatte er kein Auge; Analayse und Reflexion waren seine Sache nicht. Für Bonsels galten nur das Abenteuer, der exotische, die Sinne stimulierende Reiz, das mysteriöse und erregende Indien. Die Menschen sind Klischees ihres feudalistischen Gesellschaftssystems. Dabei kippt die Sprache oft ins Schwülstig-Überladene, ins Barock-Kitschige um.

Der österreichische Romanschriftsteller, Lyriker und Biograph Stefan Zweig ist befremdet und verunsichert aus Indien zurückgekehrt. Seine weltmännische Urbanität, sein Kosmopolitentum konnte sich mit dem Elend der ausgemergelten Gestalten, der Klassen- und Kastentrennung, der Monotonie einer unendlichen Landschaft nicht abfinden. Apodiktisch schrieb er: „Indien wirkte auf mich unheimlicher und bedrückender, als ich gedacht hatte.“ Und anderswo: „Fremdheit, unüberwindbare Fremdheit ist das abschließende Gefühl…“ gegenüber den Menschen in Indien. Zweig, der Vielschreiber, verfaßte, neben einigen exquisiten Gedichten, nur zwei Essays über Indien, nämlich Städtebilder von „Benares“ und „Gwalior“. Allerdings sympathisierte er, von Europa aus, mit dem reformerischen Aufbruch des Hinduismus und dem politischen Unabhängigkeitsstreben der Inder. Er traf Rabindranath Tagore, und er stand in lebhafter Korrespondenz mit Romain Rolland und Hermann Hesse über indische Themen.

Die übrigen Schriftsteller seien nur knapp nachgetragen. Der philosophische Schriftsteller Rudolf Kassner, ein Freund Hermann Keyserlings und wie er ein Gelehrter mit klassisch-europäischer Bildung, schrieb kluge, nüchtern-betrachtende Essays über spirituelle Persönlichkeiten und Yogis, die er in Indien traf. Max Dauthendey war ein leidenschaftlicher Reisender und ein Reiseschriftsteller, der seine Erfahrungen in Lyrik, in Romanen, Erzählungen und Theaterstücken ausschüttete. Über Indien schrieb er Essays, Gedichte, Erzählungen und eine kurios-genialische Reisebeschreibung in gereimten Versen. Darin vereinigte er Mythisches, Gespräche, Beobachtungen und Betrachtungen zu einem berstenden Ganzen. Diesem Versgebilde gab Dauthendey den sprechenden Titel Die geflügelte Erde. Ein Lied der Liebe und der Wunder um sieben Meere (1910).

René Schickele, Hanns Heinz Ewers und Melchior Lechter, so bedeutsam ihre Werke sein mögen, werden im allgemeinen nicht mit Indien-Literatur in Zusammenhang gebracht. Doch Schickeles Gedicht Bei der Einfahrt in den Hafen von Bombay wurde zu Unrecht vergessen. Ewers eitle, arrogant-schnoddrige Beschreibung seiner Erlebnisse bei indischen Maharajas Indien und ich (1911) wurde höchst populär und sollte heute zumindest noch als Mosaikstein wahrgenommen werden. Ebenso darf Melchior Lechters Tagebuch der indischen Reise, das man selten genannt sieht, nicht unerwähnt bleiben. Lechter war Künstler, bekannt geworden als Illustrator und Ausstatter von Stefan Georges Büchern. Er besuchte Indien (1910-1911) zusammen mit dem Dichter Karl Wolfskehl, einem der treusten und bekanntesten Mitglieder des George-Kreises. Wolfskehl erkrankte und mußte bald allein zurückkehren, abgeschreckt und erschüttert von der Wirklichkeit Indiens. Er hat über diese Reise kein Wort zu Papier gebracht. Lechters Reaktion auf Indien war dagegen enthusiastisch. Überwältigt von dem intensiven Farbenspiel der orientalischen Sonne, schwelgte er in einem „überschwenglichen Farbenrausch“. Sein Tagebuch der indischen Reise (1912) ist das beseelte und genuine Dokument einer künstlerischen Faszination.

 

Indische Mythen- und Legendenstoffe

Viele deutsche Schriftsteller haben aber auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Reise nach Indien nicht als Voraussetzung angesehen, indische Stoffe zu behandeln. Einige haben sich auf das Lese-Erlebnis Indien beschränkt, um daraus Neues zu schaffen. Das betrifft vor allem die Lektüre der indischen Mythen und Legenden. Deutsche Schriftsteller haben jedoch selten nach diesen Stoffen gegriffen, um sie um ihrer selbst willen in deutscher Sprache zur Wirkung zu bringen. Stattdessen dienten die indischen Stoffe als Folie, als Gewand, um moderne und meist Indien-ferne Probleme darzustellen. Am bekanntesten sind die beiden Texte Siddhartha von Hermann Hesse und die Vertauschten Köpfe von Thomas Mann. Siddhartha profitierte zwar von Hesses Indienreise, doch war der Stoff aus dem Umkreis des frühen Buddhismus nur Vorwand, um Hesses eigenen Probleme der Selbstfindung darzustellen. Ebenso verwendete Thomas Mann eine indische Legende, um an ihr die Psychologie sich wandelnder Identitäten durchzuspielen.

Literaturwissenschaftlich bedeutsam und noch immer gelesen ist außerdem Alfred Döblins kühnes Versepos Manas, das an den Mythos des „Orpheus und Euridike“ erinnert. In Manas geht allerdings die Ehefrau Sawitri auf die Suche nach ihrem Mann Manas. Sawitri kann ihrem Ehemann das Leben wiedergeben, doch selbst verläßt sie die Erde, um heim zu den Göttern zu gehen, denn sie ist eine Göttliche. Manas lebt weiter in einer Existenz erhöhten Tatwillens, bis er von Gott Schiwa überwunden wird. Alfred Döblin vermag den emotionalen Schwung, die „Grundgefühle unserer Existenz“ von der Hybris bis zur Depression in einer überwältigenden Wortfülle in Verse zu schütten. Dieses Epos dient keiner Ideologie oder veranschaulicht keine Religion oder Weltanschauung, sondern es will die Fülle menschlicher Gefühle in eine gebändigte Form bringen. Die indologische Aufarbeitung dieses Epos muß noch geleistet werden.

Vergessen ist der Schriftsteller namens Karl Gjellerup, der im Jahr 1917 den Nobelpreis für Literatur erhielt. Sein Roman Der Pilger Kamanita (1907) dokumentiert Gjellerups intensive Beschäftigung mit dem Buddhismus. Er zeichnet ihn nicht als weltverneinende und pessimistische Religion, sondern als eine Religion, in der das weltliche Leben zur menschlichen Reife und schließlich zum Nirwana führt. Der Geschäftsmann Kamanita verliebt sich auf einer Reise. Eine Kette von unglücklichen Mißverständnissen führt dazu, daß Kamanita die Geliebte nicht mehr wiedertrifft und sie einen anderen Mann heiratet. Als er das erfährt, entsagt Kamanita dem „weltlichen“ Leben, wird Mönch, begegnet dem Buddha, dem er sein Leben erzählt. Buddha bereitet ihn auf das Nirwana vor, wo er seine Geliebte wiedertrifft, die ebenso entsagt hatte und Nonne wurde, weil sie sich nicht mit Kamanita vereinen konnte. Die Geschichte – frei erfunden, wie Karl Gjellerup angibt – erinnert stark an altindische Legenden.

Auch Fritz Mauthner, der radikale Sprachkritiker und Freigeist, der sich zu sehr unterschiedlichen Wissensgebieten kritisch und kreativ äußerte, schrieb Anfang des 20. Jahrhunderts einen Buddha-Roman. Viel stärker noch als Gjellerup formte er jedoch den geschichtlichen Kern um und schuf seine ureigene ideale Buddhafigur, die gelöst von Ritualismus, von dogmatischer wie institutioneller Verhärtung, die Liebe als höchste Vollendung predigt.

Dies sind zwei prägnante Beispiele – von vielen – bei denen buddhistische Stoffe in der deutschen Literatur als Einkleidung für Ideen und Weltanschauungen dienen.

Der letzte Mythenstoff, den ich erwähne, führt uns schon tief in das 20. Jahrhundert hinein. Es ist Ernst Wicherts Legendenroman Der weiße Büffel (1946/47). Wiechert schrieb den Roman im Jahr 1937, also während der Diktatur Hitlers, konnte ihn jedoch erst nach dem Zweiten Weltkrieg veröffentlichen. Der Roman enthält, gekleidet in eine altindische Legende, eine radikale Kritik an Diktatur und Gewalt. Der junge Vasudeva, der Bewohner eines indischen Dorfes, wehrt sich gegen die Übergriffe der „Gewaltsamen“ aus der fernen Stadt. Vasudeva schwankt zwischen Anwendung von rächender Gegengewalt und gewaltlosem Dienst an den Menschen. Als Vasudeva in der Stadt beim König Gerechtigkeit fordert, wird er hingerichtet. Zum Ende aber bekehrt sich der König.

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Alle bisher diskutierten Werke (außer Wicherts Der weiße Büffel) sind zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte die Beschäftigung mit Indien wieder ein. Wieder waren Reisen möglich und wurden mit dem Beginn regelmäßiger touristischer Flugreisen immer schneller und einfacher. Die Menschen der jungen Generation, die bisher aus finanziellen Gründen nicht in großer Zahl weite Reisen unternehmen konnten, waren nun in Massen unterwegs. Die Hippie-Bewegung, die Flower-Children, die Beat-Generation der sechziger und siebziger Jahre schwemmte ungezählte Menschen nach Indien. In den angelsächsischen Ländern haben diese zivilisatorischen Prozesse interessante Indien-Literatur hervorgebracht. Man denke etwa an Allen Ginsbergs Indien-Tagebuch und Indien-Gedichte. In deutscher Sprache fand die Indien-Begeisterung der Jugendkultur keinen literarischen Niederschlag. Es läßt sich kein einziges Buch nennen, das heute noch aufgelegt und gelesen würde.

Im Gegenteil, jahrzehntelang sind deutsche Schriftsteller vor Indien zurückgeschreckt. Warum wohl? – Ich glaube, ernste und ernstzunehmende Schriftsteller empfanden Indien als zu komplex, zu schwierig, als rational wie emotional und seelisch schwer zu durchdringen. Jahrelange Anwesenheit wäre notwendig gewesen, um eine Anverwandlung zu erreichen, die zu einem Verständnis hätte führen können. Aus dieser Furcht vor mangelnder Authentizität sind nur wenige deutsche Indien-Romane und Indien-Erzählungen erschienen. Nach dem Hitler-Regime war die Zeit der Romantisierung, der Idealisierung und Mythisierung Indiens vorüber. Solche Stilisierungen werden bis heute in der Literatur als suspekt empfunden. Also mußte ein realistisches Indienbild gezeichnet werden, das intensive unmittelbare Erfahrung verlangt. Aus dem Blickfeld der Literatur verschwand nun das romantische Indien. Dieses Bild sank ab auf die Ebene von Zeitungsartikeln, Illustrierten-Reportagen und Tourismus-Werbekampagnen. In den Blick trat nun Indien als „Entwicklungsland“, als armes Land mit starken sozialen, ethnischen und linguistischen Spannungen. Niemand konnte ernsthaft über Indien schreiben, ohne selbst Indien erlebt zu haben und ohne diese soziale Perspektive einzubeziehen.

Das Ergebnis dieser Veränderung war, daß deutsche Schriftsteller über Indien nur subjektive Darstellungsweisen wählten, bei denen man sich auf eine authentisch beschriebene Indien-Erfahrung beschränken konnte. Es entstanden Tagebücher, Reise-Essays, Interviews. Ingeborg Drewitz verfaßte Mein indisches Tagebuch (1983), Günter Grass das Tagebuch Zunge zeigen (1988), Hubert Fichte schrieb Wolli Indienfahrer (1972) mit Interviews. Drewitz und Grass sahen vor allem die elende, verarmte Wirklichkeit Indiens und kamen über eine Art Verzweiflungsliteratur nicht hinaus. Statt Indien zu idealisierten, wie es Schriftsteller früherer Generationen getan hatten, sentimentalisierten sie nun die Armut.

Erst in der Mitte der neunziger Jahre wagten einige Schriftsteller der mittleren Generation wieder, Indien zu fiktionalisieren. Das begann mit Josef Winkler, dessen Benares-Roman Domra. Am Ufer des Ganges (1996) eine minutiöse Beobachtung der Vorgänge am Verbrennungs-Ghat des Ganges darstellt. Winkler wagt also auch keine Phantasieflüge, kein Gesellschaftsbild, sondern er verwandelt eine Mikro-Wirklichkeit in Literatur, indem er autobiographische Einzelbeobachtungen verabsolutiert. Winkler ist immer wieder nach Indien, vor allem nach Benares, zurückgekehrt und hat Indien oft literarisch gestreift, zuletzt in dem Buch Roppongi. Requiem für einen Vater (2008). In Domra wie in Roppongi zeigt sich Josef Winkler fasziniert von Tod, Leichenverbrennungen und Totenritualen, eine Faszination, die er obsessiv beschreibt. So mischt sich auch in diesen Romanen, ähnlich wie in den subjektiven Literaturformen, dem Tagebuch und Reisebuch, die Persönlichkeit des Autors so stark ein, daß Indien als objektive Wirklichkeit wieder in Gefahr gerät, zur Folie, zum Stichwortgeber zu degenerieren.

Martin Mosebach dagegen ist ein souveräner Erzähler. In seinem vielgelobten Indien-Roman Das Beben (2005) entfaltet sich in Frankfurt und in einem verfallenden Palast von Rajasthan eine komplexe Liebesgeschichte. Der Ich-Erzähler, ein Architekt, flieht vor seiner Geliebten Manon, bekommt den Auftrag, den Palast in ein Hotel umzubauen und begegnet während seines Aufenthalts dem Besitzer, dem einstigen König, und einer Anzahl merkwürdiger Gestalten – bis seine Geliebte ihn in Indien einholt und die Liebesbeziehung eine neue Wendung erhält. Mosebach hat auch einen Reisebericht verfaßt (Stadt der wilden Hunde. Nachrichten aus dem alltäglichen Indien [2008]), der ihn als häufigen Besucher des Landes ausweist. Zweifellos will Martin Mosebach Indien weder idealisieren noch romantisieren, er schreibt keine Verzweiflungsliteratur ob des Elends und der Armut. Noch schwelgt er in Selbstfindungsliteratur. Mosebach ist fasziniert von der alten Pracht Indiens, doch ebenso beschreibt er die Vielfalt des heutigen Alltags genau, mit Witz und stilsicher. Wird sein Werk Schule machen?

Der Rundblick auf die Indien-Literatur deutscher Autoren ist unvollständig, solange man nicht die Bemühungen des Goethe-Instituts erwähnt, Autoren der mittleren Generation nach Indien einzuladen. Das MMB gab ihnen die Gelegenheit zu reisen und zu erleben und sich mit Menschen ihresgleichen auszutauschen. In dem Deutschland-Jahr 2000-2001 kamen mehrere Schriftsteller in Mumbai zusammen und folgten dann ihren eigenen Wegen – wochenlang, einer sogar monatelang. Die meisten besuchten Indien zum ersten Mal, probierten also zunächst das Land aus, bemühten sich aber gleichzeitig, ihre ersten Erkundungen experimentell schriftlich festzuhalten. Unter ihnen waren Ulrike Draesner, Felicitas Hoppe, Kathrin Schmidt, Arnold Stadler, Dieter Gräf, Gert Heidenreich  und Thorsten Becker. Unter ihnen kehrten Ulrike Draesner und Felicitas Hoppe zurück; Gert Heidenreich kannte Indien und Nepal von früheren Besuchen. Sie alle schrieben; doch nur Thorsten Becker blieb lange genug und vertiefte sich so sehr in die Kultur Indiens, daß daraus ein Roman entstand, Die Besänftigung oder Der Besuch des schwarzen Makhna bei den Elefanten von Guruvayur (2003). Es war eine Rückkehr in die Zeit, in der indische Mythen zur Gestaltung gegenwärtiger Probleme genutzt wurden. Thorsten Becker verlegte seinen Mythos in die Gesellschaft von Arbeitselefanten in Kerala und verfolgt durch Erzählungen und Nacherzählungen einen Elefanten-Mythos und seine Varianten. Diese Geschichte ist raffiniert und originell, doch letzten Endes verstehen die Leser nicht, warum Becker sie erzählt. Wofür in der gegenwärtigen sozialen Situation ist dieser Mythos eine Parabel, eine Verdeutlichung? Weil die Leser darauf keine Antwort wissen, fühlen sie sich auch nicht von dem Roman berührt.

 

Lyrik und große Essays

Wir haben in großen Zügen die Etappen der Indien-Rezeption in der deutschen Literatur skizziert. Wir haben verfolgen können, wie sich das Indienbild in der deutschen Literatur gewandelt hat. Es ist bemerkenswert, daß sich zahlreiche deutsche Schriftsteller mit Indien beschäftigt haben und Indien – auf unmittelbar-anschauliche oder indirekt-symbolische Weise – beschrieben haben. Doch kein einziger deutscher Autor hat sich wirklich auf Indien eingelassen, hat dort gewohnt und gewirkt und ein beachtliches schöpferisches Oeuvre über Indien geschaffen. Deutsche Schriftsteller sind in Italien, in Griechenland, in Frankreich, in England und in den USA ansässig geworden und haben in diesen Ländern geschrieben, nicht jedoch in Indien.

Doch sollten wir nicht vergessen, daß Indien als Topos der deutschen Literatur stets präsent gewesen ist, gleichgültig ob ihre Autoren Indien besucht haben oder nur über Indien gelesen und Werke indischer Autoren gelesen haben. „Indien als Idee“ hat seine Gefahren der Idealisierung und ungerechtfertigter Klischees, die Indien abstempeln und einengen, behalten. Ideen befreien zunächst, aber danach grenzen sie auch wieder ein.

„Indien als Idee“ hat aber bewirkt, daß Indien auch in der großen Lyrik des 20. Jahrhunderts zugegen ist. Diese Lyrik ist vom Mythos gespeist, von religiösen und philosophischen Vorstellungen, von großen Persönlichkeiten wie dem Buddha. Diese Lyrik benutzt oft Indisch-Banales, um es zu einem reizvollen Gedicht zu gestalten. So schrieb Rainer Maria Rilke ein Gedicht Schlangen-Beschwörung; Agnes Miegel Die Götter Indiens; Stefan Zweig Taj Mahal. Bertolt Brecht, Rilke, Hugo Ball schrieben Buddha-Gedichte. Ein Gedicht von Arno Holz heißt Sansara, eines von Hermann Hesse Bhagavad Gita, von Oskar Loerke Nirwana, von Stefan George Ellora. Max Dauthendey und Arnim T. Wegner schrieben Lyrik über Benares. Damit nenne ich nur einige prominente Beispiele. Einer der früheren Professoren der deutschen Sprache und Literatur an der Universität Mumbai, R.V.Paranjpe, hat eine umfassende Anthologie India in German Poetry (1992) herausgegeben, in der Gedichte im deutschen Original und in englischer Nachdichtung versammelt sind.

Nicht zu vergessen ist ebenso, daß neben einer Unmenge von oberflächlichen und schlecht informierten journalistischen Aufsätzen und Reportagen über Indien auch großartige deutschsprachige Essayistik über Indien entstanden ist. Ich erinnere an Albert Schweitzers immer noch gelesenes und lesenswertes Buch Die Weltanschauung der indischen Denker, an Jean Gebser, Carl Gustav Jung, Elias Canetti, Stefan Zweig, Carl Friedrich von Weizsäcker, Peter Sloterdijk, an den früher schon erwähnten Rudolf Kassner, an Oskar Loerke und natürlich Hermann Keyserling mit seiner kaskadenhaft flutenden Indien-Essayistik.

Lyrik und Essays über Indien dokumentieren stärker als die erzählende Prosa die Präsenz der indischen Mythen und Religionen und Philosophien im kulturellen Diskurs dieses vergangenen Jahrhunderts. Durch sie können Autoren wie Leser sich Indien entweder evokativ-intuitiv – was die Lyrik betrifft – oder rational und diskursiv – was Essays betrifft – annähern. Die erzählende Prosa stellt höhere Anforderungen an Faktenwissen, an die Geduld, viele Seiten aufmerksam zu lesen, an die Bereitschaft der Phantasie, sich sehr verschiedene Lebensbereiche vorzustellen. Das mag nicht jedermanns Sache sein. In der Lyrik und der Essayistik wird Indien innerhalb des deutschen Kulturlebens zur mainstream-Literatur, zu einem zentralen Anliegen. Hier fließen Ganges und Rhein zusammen.

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