Fleischkonsum in Indien: Die Kuh bleibt heilig – Religiöse Werte und die Bedürfnisse einer wachsenden Mittelschicht prallen aufeinander

Manche Inder sterben lieber, als einem Tier etwas zuleide zu tun oder es gar zu verspeisen. Andere essen möglichst viel Fleisch, als gelte es, etwas aufzuholen.

Martin Kämpchen

Die vegetarische Kultur hat in Indien eine lange Tradition. Drei Religionen, die in Indien ihren Ursprung haben, kennen starke Bezüge zur fleisch-, fisch- und eierlosen Ernährung: der Hinduismus, der Buddhismus und der Jainismus. Der Verzicht auf getötete Tiere in der täglichen Kost wird nicht wie vorwiegend im modernen Vegetarismus mit der Gesundheit und der Ökologie begründet, sondern geht auf Konzepte der Gewaltlosigkeit (ahimsa) zurück. Der Hinduismus und der Buddhismus predigen keineswegs einheitlich das Nichttöten von Tieren, doch schreiben  zahlenmäßig starke Gruppen in beiden Religionen, etwa der Vishnuismus des Hinduismus, eine strenge vegetarische Kost vor. Der Jainismus, der heute eine kleine religiöse Minderheit darstellt, die vor allem im westlichen Bundesstaat Gujarat angesiedelt ist, vertritt auf extreme Weise das Nichttöten von Tieren als zentrale Glaubenspraxis. Selbst tierische Schädlinge dürfen nicht vernichtet werden. In letzter Konsequenz ist der Jainismus eine religiöse Praxis, die ohne Abstufung und Differenzierung dem Leben einen so hohen Wert zumisst, dass sie zur Verneinung des eigenen Lebens führt. Ihre glühenden Vertreter ziehen ihren eigenen Hungertod der Vernichtung von kleinsten Lebewesen vor.

Auch bestimmte Gemüsesorten sind verboten

Der Hinduismus ist in seiner täglichen Praxis von Riten und symbolischen Werten geprägt. Das gilt auch in Bezug auf Nahrung: Idealerweise soll davon zuerst der Gottheit in einer „Puja“, einem rituellem Gottesdienst, geopfert werden. Doch gibt es Unterschiede in der „Reinheit“ der Speisen: Reis, Früchte und viele Arten Gemüse gelten als „rein“ oder „satvisch“, weil sie leicht bekömmlich, kaum gewürzt und natürlich sind. Ihnen wird nachgesagt, dass sie die positiven und geistigen Kräfte des Menschen anregen. Mönche, fromme Hindus, Asketen und vor allem die Vishnuiten ziehen es vor, nur satvische Speisen zu essen. Fleisch gehört nicht dazu.

„Schwere“ Speisen, die entweder „feurig“ oder „träge“ machen, sollten vermieden werden. Dazu gehört Fleisch, wobei dunkles Fleisch, etwa Schweinefleisch, noch unerwünschter ist als helles wie Hühnerfleisch. Zu den verbotenen Gemüsesorten gehören jene, die unter der Erde wachsen wie Kartoffeln, Karotten und vor allem Zwiebeln und Knoblauch. Was in der dunklen Erde wächst, wird mit geistiger und körperlicher Trägheit assoziiert; Zwiebeln und Knoblauch wird eine „feurige“ Qualität zugeschrieben, die Menschen angeblich reizt und zum Zorn verleitet. Alle, die nicht den Zölibat leben, sowie asketisch oder vishnuitisch ungebundene Menschen können außer Kalbfleisch jede Fleischart und Fisch essen, auch jegliches Gemüse. Sie werden aber in der Hierarchie der religiösen Werte nicht so hoch geachtet wie jene, die sich streng des Fleischs enthalten.

Dies sind einige Faustregeln, wie Nahrungsmittel in den geistig-religiösen Kosmos eingeordnet werden. Es gibt jedoch viele Ausnahmen und Differenzierungen. Vor allem bestehen regionale Unterschiede: Südindische Hindus sind überwiegend Vegetarier und rühren kein Fleisch an. Dagegen essen Hindus in Bengalen im Osten des Landes oft Fisch, auch wenn sie sich als Vegetarier bezeichnen. Und Hindus im nordindischen Panjab verzichten ungern auf Fleisch.

Maneka Gandhi kämpft für Tiere – politisch und persönlich

Sie hat in die „erste Familie“ Indiens eingeheiratet und sich wieder mit ihr entzweit. Maneka Gandhi war die Ehefrau des jüngsten Sohns von Indira Gandhi, der damaligen Premierministerin Indiens, und hat für ihre Schwiegermutter und deren Congress-Partei politisch gekämpft. Nachdem ihr Mann Sanjay 1980 bei einem Flugzeugabsturz gestorben war, kam es zum Streit. Maneka verließ die Familie und die Partei, baute sich eine eigene Karriere als Umweltaktivistin und Tierschützerin auf und erwarb national wie international hohes Ansehen.

Für ihre Anliegen tritt sie politisch und persönlich ein. Maneka Gandhi wurde sechsmal ins Parlament gewählt. Sie war Ministerin für Umwelt und gründete das weltweit erste Ministerium für Tierschutz, dem sie vorstand. Sie hat mehrmals die Partei gewechselt und ist zurzeit Mitglied der oppositionellen Bharatiya-Janata-Partei. Sie ist Veganerin und propagiert Vegetarismus aus ethischen und gesundheitlichen Gründen. Sie hat den Verein „People for Animals“ (Menschen für Tiere) ins Leben gerufen, eine Fernsehserie über Tierquälerei moderiert und schreibt eine wöchentliche Kolumne.

Die 57-Jährige will vor allem auf die grausame Behandlung der Tiere in Indien und in anderen Ländern aufmerksam machen und bemüht sich um Gesetze zum Schutz der Tiere und ihre strikte Befolgung. Fleischkonsum lehnt sie für alle ab. Ihr Einsatz für Umwelt und Tiere hat nur andeutungsweise einen religiösen Hintergrund. Er folgt dem modernen, auch im Westen vertretenen humanen Ideal der Gerechtigkeit gegenüber der Umwelt und allen lebenden Wesen, damit die Zukunft der Erde gesichert bleibt. (mk)

Obere Kasten beachten tendenziell die Reinheitsbestimmungen strenger  als niedere Kasten, verzichten also eher als diese auf Fleisch. Die arme Landbevölkerung isst schon deshalb kein oder wenig Fleisch, weil sie es sich nicht leisten kann, während die städtische Mittelklasse, immerhin zwischen 300 und 400 Millionen Menschen, zu jeder Mahlzeit ein Stück Fleisch oder Fisch verzehrt. Fleischkonsum gehört zum Statussymbol, besonders gegenüber

Gästen oder Verwandten. Ihre Wertschätzung kommt darin zum Ausdruck, wie viel und welches Fleisch der Gastgeber ihnen vorsetzt.

So sehr aus religiösen Gründen der Fleischverzehr verachtet wird, gehören paradoxerweise Tieropfer bis heute zur weitverbreiteten Praxis bestimmter Hindugruppen. Einigen Gottheiten dürfen Tiere – Ziegen, Lämmer, Hühner, Büffel – rituell geopfert werden. Dazu zählt  vor allem die Göttin Kali, deren Kult im ganzen Land verbreitet ist, vor allem in West-Bengalen. Die Tiere werden öffentlich in den Tempeln geschlachtet, ihre Körper vor die Statue oder das Bild Kalis gebracht, dann wird ihr  Fleisch von denen, die die Tiere gebracht haben, im Tempel oder zu Hause verzehrt. Ein kleiner Teil bleibt den Priestern vorbehalten. An besonderen Kali-Feiertagen schlachten die Priester Hunderte von Ziegen. Die Logik ist offenbar, dass die Tiere zu Ehren der Gottheit geopfert werden dürfen – denn sie „verlangt nach Opfern“ – und ihr Konsum eine heilige Handlung ist.

Eine solche Opfermentalität ist vor allem im einfachen Volk unvermindert populär. Der intellektuelle Hinduismus hingegen kritisiert Tieropfer hart, auch in der Literatur und im Theater. Viele gebildete Hindus verabscheuen es, Tempel von Gottheiten zu besuchen, in denen Tieropfer dargebracht werden. Sie ziehen Tempel von  Gottheiten vor, denen nur Blumen oder Süßigkeiten wohlgefällig sind.

Viele Stämme kennen überhaupt kein Fleischtabu

Eine Sonderstellung beim Fleischkonsum der Inder nimmt die Kuh ein. Sogar Menschen, die wenig über Indien wissen, sind sich bewusst, dass es dort „heilige Kühe“ gibt, die nicht geschlachtet und nicht verspeist werden dürfen. Warum gerade Kühe? Das Tabu hat keine unmittelbare Beziehung zum Gesetz der Gewaltlosigkeit, sondern steht im Zusammenhang mit den symbolischen Werten, die im Hinduismus eine starke Bedeutung haben. Viele

Dinge der Natur sind „geheiligt“, haben als Symbol eine über ihren „materiellen Wert“ erhobene Bedeutung. Dazu zählen Hügel, Berge, Flüsse und bestimmte Bäume, die Gottheiten zugeordnet sind. Zum Beispiel soll man Bücher nicht mit Füßen treten, weil sie ein Symbol von Saraswati, der Göttin der Gelehrsamkeit, sind. Ähnlich ist die Kuh ein Symbol von Fruchtbarkeit und materieller Fülle geworden. Jede Kuh ist ein Abbild der „göttlichen Kuh“ Kamadhenu und darf darum nicht getötet werden. Es ist belegt, dass in der urhinduistischen Zeit durchaus Rinder zum Verzehr geschlachtet wurden – die Vorstellung von der Heiligkeit der Kuh hat sich also erst langsam entwickelt.

Bei den zahlreichen indischen Stämmen, die acht Prozent der Bevölkerung ausmachen, sowie bei den Muslimen (elf Prozent) und den Christen (2,6 Prozent) ist Rindfleisch nicht tabu. Muslime verzehren stattdessen kein Schweinefleisch. Allerdings geschieht es häufig, dass diese Minderheiten kein Rindfleisch essen, wenn sie in Gegenden wohnen, die von Hindus dominiert sind. Damit erfüllen sie keine religiöse Regel, sondern passen sich der Mehrheit an, um kein Aufsehen und keinen Ärger zu provozieren. Viele Stämme kennen überhaupt kein Fleischtabu: Bei ihnen kommen auch  Ratten, Vögel und Schlangen auf den Tisch.

In der städtischen Mittelschicht werden aus religiösen Tabus wie dem Rindfleischkonsum häufig gesellschaftliche Konventionen. Diese stark säkularisierte Mittelschicht ist jedoch nicht so tief verwestlicht, dass sie den Vegetarismus aus gesundheitlichen und ökologischen Gründen annähme. Im Gegenteil: Ihr Hang zum materiellen Wohlergehen, ja zum hedonistischen Verhalten, verleitet sie dazu, mehr Fleisch zu essen – als müsse sie Jahrzehnte relativer Armut aufholen.

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