Interkulturelles Leben als Herausforderung. Erfahrungen eines Deutschen in Indien (“Saarbrücker Hefte”)

[Saarbrücker Hefte 2008]

Interkulturelles Leben als Herausforderung

Erfahrungen eines Deutschen in Indien

von Martin Kämpchen

Während meiner Kindheit und Jugend, die ich in einer kleinen deutschen Stadt verbracht habe, gab es in meiner Schulklasse nur deutsche Jungen und Mädchen. Wir hatten eine gemeinsame Sprache, deutsch, und eine gemeinsame Kultur. Und dennoch gab es Unterschiede zwischen uns. Ich kam aus einer akademisch gebildeten Familie, andere nicht. Meine Eltern hatten beide höhere Bildung genossen und konnten darum meine Schulerziehung mit gezielten Ratschlägen und Hilfestellungen begleiten. Darüber hinaus gab es katholische und evangelische Christen in meiner Klasse. Zum Religionsunterricht gingen wir in zwei verschiedene Klassenräume; beim Gebet machten die Katholiken das Kreuzzeichen, die Protestanten nicht. Wenn wir aber zwischen den einzelnen Stunden miteinander schwatzten, wenn wir Fußball spielten oder dort herumhingen, wo Jugendliche sich gerne aufhalten, hatten diese Unterschiede keine Bedeutung. Da waren andere Unterschiede wichtiger – wer etwa ein guter Sportler war und wer nicht; wer eine Freundin hatte und wer nicht; wer über andere bestimmen konnte und wer nur zuhörte und gehorchte; wer Bücher las und wer sich nichts aus Lektüre machte. Das heißt, daß jeder von uns wechselnde Beziehungen einging, je nach Unterrichtsthema, je nach dem Ort, an dem wir uns aufhielten oder je nach den Menschen, mit denen wir sprachen. Natürlich gab es die üblichen Spannungen, aber im großen und ganzen lebten wir doch als eine Gemeinschaft harmonisch miteinander. Als ich älter wurde, verdichteten sich diese wechselnden und spontanen Beziehungen und wurden beständiger und bestimmender.

Mit sechzehn Jahren bekam ich ein Stipendium für die USA. Dort besuchte ich eine Senior High School und lebte bei einer amerikanischen Familie. In der Schule war ich der einzige Nicht-Amerikaner und auch der einzige, dessen Muttersprache nicht Englisch war. Meine Gastfamilie waren keine Akademiker; der Vater arbeitete als Versicherungsvertreter. Am liebsten sah die Familie fern, mit dem Ergebnis, daß der Fernseher den Tag lang durchs Haus plärrte. Mein amerikanischer Gastvater monierte mein Bedürfnis nach Privatsphäre – denn meistens hatte ich die Tür zu meinem Zimmer geschlossen, was in amerikanischen Haushalten unüblich ist. Er wunderte sich darüber, daß ich gerne jeden Tag Briefe schrieb; auch meine Liebe zu klassischer Musik rief Mißbilligung hervor. Ich wurde gescholten, und schließlich mir sogar gedroht, daß sie mich nach Hause schicken würden.. Diese Unterschiede waren unüberwindbar, und sie begleiteten meinen gesamten USA-Aufenthalt. Ich brauchte Mut und Selbstvertrauen, um solche Unterschiede zu akzeptieren. Denn plötzlich war Harmonie nicht mehr selbstverständlich. Harmonie mußte bewußt gesucht und durch ständige Bemühung geschaffen werden. Und ich begann zu begreifen, daß bewußte Bemühung um ein gelungenes interkulturelles Leben bedeutete, nicht alles zu wollen, was ich normalerweise wollte, nicht alles zu sagen, was ich normalerweise sagte, nicht alles zu tun, was ich normalerweise tat.

Interkulturelles Leben konnte nur gelingen, wenn ich, negativ ausgedrückt, weniger offen war als üblich, weniger von mir selbst preisgab, als ich es üblicherweise getan hätte. Positiv ausgedrückt bedeutete es jedoch, daß ich angemessene Bedingungen für Kommunikation schaffte. Kommunikation ist die Kunst, einen öffentlichen Raum zu finden, in dem ein echter Austausch von Fakten, von Meinungen, von Überzeugungen, aber auch von Protest und Entschuldigung möglich ist. Kommunikation ist die hohe Kunst, das rechte Maß zu finden: das rechte Maß des Sprechens und Zuhörens, des Preisgebens und Verbergens von Gefühlen, Meinungen und Überzeugungen. Kommunikation erfordert die rechte Reife zu beurteilen, was der andere intellektuell und emotional wirklich erfassen und annehmen kann. Kommunikation erfordert auch die rechte Reife, die Grenzen des eigenen Verstehens einzuschätzen.

Ich gebe zu, ich möchte meine Erfahrungen in Amerika nicht missen; dazu gehört auch das Leben mit meinem amerikanischen Vater, dem Versicherungsvertreter, und seiner etwas überkanditelten Ehefrau. Ich konnte feststellen, dass ich mich im Vergleich zu meinen Klassenkameraden in einem wesentlichen Bereich weiterentwickelt hatte: in der Fähigkeit zur Kommunikation. Alles andere, was ich gemeistert hatte, wie Englisch zu sprechen, ganz allein in Chicago und Manhattan unterwegs zu sein, das amerikanische High School-Diploma zu erwerben, verlor an Bedeutung im Vergleich zu meinem Selbstvertrauen und meinem Erfolg in der Kommunikation mit anderen.

Nach meiner Rückkehr nach Deutschland konnte ich diese Fähigkeiten bei den afrikanischen Studenten umsetzen, die in meiner kleinen Heimatstadt am Rhein eintrafen. Es waren Studenten des Goethe-Instituts, das einige Jahre zuvor dort gegründet worden war. Diese jungen Afrikaner wollten wissen, wo die Bank und das Postamt waren, sie brauchten die Adressen deutscher Universitäten und Unternehmen; sie schrieben Bewerbungen, und ich half ihnen bei all diesen Anliegen. Zu beobachteten, wie diese Fremden auf mein soziales Umfeld reagierten, das mir von Geburt an vertraut war, wurde eine heilsame Erfahrung für mich. In Amerika hatte ich in einem Milieu gelebt, das sich sehr von meinem eigenen unterschied; ich hatte erfahren, daß die sozialen Konventionen, die mir vertraut waren, nicht die einzig gültigen sind. Nun, in meiner deutschen Heimatstadt, betraten Afrikaner mit ihrem mir fremden Verhalten meine Welt und stellten, durch ihre bloße Gegenwart, meine Verhaltensmuster in Frage. Beide Male erfuhr ich Anderssein, einmal mein eigenes und dann das unbekannter Menschen, und ich lernte, die Relativität sozialer Normen anzuerkennen.

Damit drängte sich mir folgende Frage auf: Wieviel Unterschiedlichkeit können Menschen in ihrem jeweiligen sozialen Umfeld akzeptieren und integrieren? Meine afrikanischen Besucher zum Beispiel kamen fast immer während der Essenszeiten. Meine Mutter protestierte dagegen, während ich ihr unkonventionelles Benehmen akzeptieren konnte. Ich verließ den Eßtisch der Familie, um mich zu meinem Besucher zu setzen und sein Problem zu lösen. Danach aß ich das kalte Essen allein zuende. Noch einmal: Wieviel Unterschiedlichkeit bei anderen sind wir bereit zu akzeptieren? Diese Frage stelle ich mir, immer wenn ich als Fremder ein anderes Umfeld betrete und immer wenn jemand als Fremder in mein Umfeld tritt.

Natürlich gibt es keine gebrauchsfertige Antwort auf eine solche Frage. Die Antwort wird je nach den gegebenen Umständen unterschiedlich ausfallen, wobei es vor allem auf eines ankommt: Ich muß dazu fähig sein zu kommunizieren oder es zuzulassen, daß sich Kommunikation ereignet. Und mehr als das: Kommunikation muß in eine Situation des gegenseitigen Einverständnisses münden. Ob Übereinstimmung oder Meinungsverschiedenheit ensteht – auf jeden Fall müssen jegliche Gefühle oder Taten der Aggressivität verhindert werden. Wenn ich dieses Ziel fest vor Augen habe, dann werde ich immer ein Gespür für die Frage behalten: Wieviel Verschiedenheit sind wir bereit zu akzeptieren? Dann werde ich mich zum einen darum bemühen, meine eigene „Fremdheit“ nicht überzubetonen, und zum anderen wird mir stets bewußt sein, daß sich meine Rolle jederzeit ändern kann – von der Beheimatung hin zu Fremder-Sein. Wenn ich davon spreche, meine eigene „Fremdheit“ nicht überzubetonen, dann meine ich damit, daß ich mich in einer fremden Umgebung ständig anpasse und damit in gewissem Maße verändere, auch wenn meine Überzeugungen und mein Bedürfnis nach Bequemlichkeit eigentlich nicht mit diesen Anpassungen und Veränderungen übereinstimmen. Ich muß mich einfach so zeigen, daß es für andere möglich wird, mich zu verstehen und wertzuschätzen.

Nun aber wollen wir Indien betreten: In gewisser Weise verlief mein erster Besuch in Indien auf dem Umweg über Afrika. Durch meine intensiven Kontakte mit afrikanischen Studenten wuchs in mir der Wunsch, nach Beginn meines Universitätsstudiums Westafrika zu besuchen. Während meines ersten Semesters bewarb ich mich um ein Reisestipendium bei einer von der Bundesregierung geförderten Organisation. Eine Gruppe deutscher Studenten bereitete sich auf einen dreimonatigen Aufenthalt in Nigeria vor, und ich war einer von ihnen. Dann brach dort ein Krieg zwischen zwei Stämmen aus – der Biafra-Krieg, wie man ihn später nannte – und in einem Telefongespräch aus Hamburg teilte man mir mit, daß die Nigeria-Gruppe aufgelöst und auf Gruppen aufgeteilt werde, die andere Dritte-Welt-Länder bereisen würden. „Wohin möchten Sie fahren?“, fragte die Stimme am Telefon. Und ins Blaue hinein antwortete ich: „Nach Indien.“ Also bereitete ich mich sorgfältig vor und fuhr 1971 für drei Monate nach Indien. Nachdem ich mein Studium in Europa abgeschlossen hatte, kehrte ich 1973 nach Indien zurück – und blieb bis heute. Vier Jahre lang unterrichtete ich Deutsch in Kalkutta; dann kehrte ich an die Universität zurück und machte weitere Abschlüsse an der Universität von Madras und an der Visva-Bharati in Santiniketan. Dort blieb ich dann auch, um die Lyrik von Rabindranath Tagore zu übersetzen und über Tagores Besuche in Deutschland zu forschen. Aber ich blieb auch, weil ich schon in den ersten Jahren in Santiniketan damit begonnen hatte, eine symbiotische Beziehung zu zwei Dörfern des Santal-Stammes, acht Kilometer von Santiniketan entfernt, einzugehen. Es waren die Dörfer Ghosaldanga und Bishnubati, deren Bewohner mein Leben verändern sollten.

Zu Beginn meines Lebens in Santiniketan fing ich an, Bengalisch zu lernen. Vorher, in Kalkutta und Madras, hatte ich nur Englisch gesprochen, was weder meine Muttersprache noch die Muttersprache meiner bengalischen und tamilischen Gesprächspartner war. Sobald ich in der Lage war, die Rikshafahrer von Santiniketan in ihrer eigenen Sprache anzusprechen, öffnete sich ihr Herz; ja, es öffnete das Herz aller, mit denen ich sprach. Nun wurde ich von den Ladenbesitzern nicht länger beschummelt, nun erhielt ich Hilfe von all den einfachen Menschen in meinem Umfeld, ich wurde beglückwünscht und regelrecht umworben. Ich lernte diese eine wichtige Lektion interkulturellen Lebens: Versuche, in der Muttersprache derer zu sprechen, mit denen du zusammenlebst. Sprache ist der Schlüssel zum Verständnis anderer Menschen in ihrer Ganzheit. Mit wachsender Sprachfertigkeit gelang es mir immer besser, meine Gefühle auszudrücken: Ich konnte scherzen, schimpfen, bitten. Ich erkannte, daß, sobald ich fähig war, den Bengalen auf einer emotionalen Ebene zu begegnen, die rationalen Unterschiede in Meinung und Anschauung immer weniger zählten.

Die Fähigkeit, Bengalisch zu sprechen, ermöglichte mir den Kontakt zu den Menschen in der Umgebung von Santiniketan. Jeden Nachmittag setzte ich mich aufs Fahrrad und fuhr durch die Dörfer, hielt hier und dort an, um mit den Bauern auf den Wegen oder Feldern zu sprechen. Es erfüllte mich mit tiefer Freude, durch die Unterhaltung auf Bengalisch Zugang zu ihrem Leben zu finden. Gleichzeitig aber wurde mir der erstaunliche kulturelle Graben zwischen der städtischen akademischen Bevölkerung in Santiniketan und der ländlichen Bevölkerung in den Dörfern bewußt, die doch nur wenige Kilometer entfernt lagen. Es schmerzte mich, und es schmerzt mich heute noch, daß sich die Akademiker an der Universität emotional und kulturell ihren Kollegen in Europa und Amerika näher fühlen, als ihren eigenen Landsleuten, die einen Steinwurf von ihnen entfernt leben. Hier erlebe ich eine krasse Gleichgültigkeit gegenüber der Herausforderung interkulturellen Lebens – und das bei gebildeten Menschen, die es eigentlich besser wissen sollten.

Scheint es nicht befremdlich, daß es mir als Fremdem aus Europa gelingen sollte, tiefer in das Leben der bengalischen und Santal-Bauern einzudringen als die meisten Menschen aus ihrer Nachbarstadt? Oft habe ich darüber gegrübelt, warum das so ist. Sie mögen ihre eigenen Beobachtungen dazu gemacht haben. Meine These ist dies: Dörfer und Städte in Bengalen haben eine gemeinsame Geschichte und gemeinsame soziale Strukturen. Ob man einer höheren oder niederen Klasse und Kaste angehört, gebildet oder ungebildet ist, Stammesangehöriger oder Nicht-Stammesangehöriger ist – all das sind Unterscheidungen, die sich gleichermaßen durch Dörfer und Städte ziehen. Sie alle verbindet eine gemeinsame Hierarchie religiöser und sozialer Werte. Darum müssen sich die Menschen zwangsläufig mit den Gefühlen auseinandersetzen, die mit „höher“ oder „niederer“ verbunden sind. Dorfleute, besonders die Stämme, gelten als „niedrig“ in all den Wertesystemen, die ich genannt habe. Bengalis in den Städten sind sich ihrer sozialen Höherstellung sehr bewußt; Menschen aber, die außerhalb dieser sozialen Hierarchie stehen, vor allem eben Europäer und Amerikaner, haben die Möglichkeit, die Dorfleute frei von solchen Vorurteilen einfach als diejenigen anzusehen, die sie als Menschen sind.

Als Europäer in Indien bin ich auch in ein vorgegebenes Wertesystem einbegriffen. Wann immer ich auf dem indischen Subkontinent Gebildeten begegne, bringen sie mich in Verbindung mit allem Wissen und allen Vorurteilen, die sie über Deutsche oder Europäer gehört haben. Man fragt mich nach Hitler (obwohl ich nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurde). Man geht davon aus, daß ich reich und konsumorientiert bin. Man hält mich für freizügig, für sozial weiter entwickelt, für weitgereist und so weiter. Man bringt mich in Verbindung mit der kolonialen Vergangenheit des Subkontinents und den psychischen Wunden, die sie geschlagen hat. Mein Leben lang mußte ich diese Denkmuster bekämpfen und darum ringen, als der Mensch gesehen zu werden, der ich als Individuum bin.

In den Dörfern jedoch werde ich als der betrachtet, der ich sein möchte. Der Mangel an Bildung und an bewußter Wahrnehmung der größeren Welt haben genau diesen positiven Effekt: Die Menschen in den Dörfern nehmen mich als Individuum wahr, ohne den Ballast vorgefaßter Überzeugungen. Das heißt, daß ich ihnen ohne den Zwang sozialer Konventionen und Wertevorstellungen begegnen kann. Im Gegenzug merke ich, daß die Dorfleute meine eigene Unabhängigkeit von vorgefaßten Meinungen und sozialen Wertesystemen im Hinblick auf ihre Person dankbar aufnehmen. Ich bin fest davon überzeugt, daß diese beiderseitige Direktheit der Begegnung und gegenseitige Wertschätzung der jeweiligen Person der Schlüssel zu jeglichem Erfolg sind, den ich in meiner Arbeit unter den Santals in Ghosaldanga und Bishnubati zu verzeichnen kann.

Während ich nun tiefer in die Welt des dörflichen Lebens der Santals eindrang, wurde mein interkulturelles Leben deutlich komplexer. In Gesprächen mit Bengalen in Santiniketan oder Kalkutta ertappte ich mich oft dabei, daß ich von „Wir Santals …“ sprach. Das kommt daher, daß ich mich vollkommen mit den Santals identifizierte, wenn ich mit Mitgliedern jenes Teils der Gesellschaft sprach, der normalerweise gleichgültig oder unwissend, vielleicht sogar unsensibel gegenüber dem Leben der Stammesbevölkerung ist. Umgekehrt allerdings sind Santals nicht in der Lage, sich ebenso stark mit mir zu identifizieren. Die ungebildete, aber auch die gebildete Stammesbevölkerung lebt in einem geschlossenen Sozialgefüge, in dem klar geregelt ist, was erlaubt ist und was nicht. Gern darf ich mich frei unter sie mischen, mit ihnen essen, an ihrer Seite schlafen und mit ihnen arbeiten. Aber normalerweise habe ich keinen Anteil an ihren religiösen Zeremonien, und ich dürfte auch kein Santal-Mädchen heiraten. Auch in ihren Mythen und Liedern, in ihrer bäuerlichen Nähe zur Natur und in ihrem Familienleben bleiben sie mir fern. In diesen Bereichen öffnen sie sich mir nicht, und auch ich kann ihnen von mir aus nicht näherkommen.

Zu verschiedenen Gelegenheiten habe ich gebildete Santal-Männer und -Frauen auf Reisen außerhalb Indiens mitgenommen. Wir haben Deutschland, Österreich und England besucht, um dort in Schulen oder vor anderen Gruppen aufzutreten. Bei diesen Anlässen wurden wir stark miteinander identifiziert, wir reisten und arbeiteten zusammen und wir alle sagten „Wir machen das so“ und „Wir meinen …“. Auch hier war ich wieder viel mehr Teil der Santal-Gruppe als Teil der „Anderen“ – diesmal der europäischen Gruppe, vor der wir auftraten. Aber sobald wir wieder in Indien, in Santiniketan waren, fiel diese Einheit auf ganz natürliche Weise auseinander, und jeder aus der Gruppe wurde wieder Mitglied seines Dorfes, seiner Familie – und ich war, wie zuvor, allein.

In Indien, und ohne Zweifel auch in Bangladesh, definieren sich Menschen in erster Linie als Mitglieder ihrer Familie. Wer aus einer „guten Familie“ kommt, wird allein schon wegen dieser Tatsache einen guten Start ins Leben haben, selbst wenn der Bildungsstand eher durchschnittlich ist. Eine „gute Familie“ ist eine Familie von Ärzten oder Lehrern oder Rechtsanwälten oder von höheren Beamten, eine Familie, in der einige Mitglieder Freiheitskämpfer sind, oder Mönche oder Auswanderer, die im Westen ihr Glück gemacht haben. Wenn Sie einer unbekannten Person vorgestellt werden, werden Sie in vielen Varianten hören, daß ihr Vater oder ihre Mutter, Onkel oder Tante, Bruder oder Schwester diese oder jene Position hat und eine Frau oder einen Ehemann hat, der dies oder jenes ist oder tut … Die Familie steht an erster Stelle, und ihre gemeinsamen Verdienste fallen allen Mitgliedern dieser Familie zu. Ich hörte einmal einem Gespräch in einer akademischen Familie in Santiniketan zu. Aus irgendeinem Grund hatte der hochbegabte Sohn der Familie bei einer Universitätsprüfung nicht gut abgeschnitten. Seine Eltern waren bestürzt. Aber ein Freund der Familie tröstete sie mit den Worten: „Macht euch keine Sorgen um euren Sohn. Zweihundert Jahre Bildung stützen ihn. Er wird es zwangsläufig zu etwas bringen.“ Und er hatte Recht; dieser junge Mann hat mittlerweile einen angesehenen Job in Kalkutta.

Während meines gesamten Lebens in Indien war es für mich ein erheblicher Nachteil, daß ich „keine Familie“ vorzeigen konnte. Ich habe weder Frau noch Kinder, und keiner kennt meinen Vater oder Bruder und deren gesellschaftliche Stellung. Ich würde nie ihre Namen und Verdienste erwähnen, wenn ich mich selbst irgendwo vorstelle, da dies für meinen Gegenüber ohne Bedeutung wäre. Darüber hinaus habe ich mich gegen eine feste Anstellung entschieden, weil ich von Anfang als freiberuflicher Schriftsteller und Übersetzer arbeiten wollte. Darum können Inder meinen Ort in der gesellschaftlichen Hierarchie nicht einordnen. Das Ergebnis ist, daß ich viele Jahre lang als Student behandelt wurde, obwohl ich bereits zwei Doktortitel hatte und ein Dutzend Bücher meinen Namen trugen. Hätte ich mich – im Sinne interkulturellen Zusammenlebens – ganz in die bengalische Gesellschaft integrieren wollen, hätte ich heiraten und eine feste Anstellung annehmen müssen.

Diesen Nachteil, „keine Familie“ zu haben, teile ich übrigens mit meinen gebildeten Santal-Freunden in Ghosaldanga und Bishnubati. Als Gebildete in der ersten Generation, stammen sie alle aus bäuerlichen Familien, und das ist, traurig genug, nichts, auf das man in Indien wirklich stolz ist. Auch nachdem sie einen hohen Bildungsabschluß erreicht haben – mit Hilfe und Anleitung durch andere ihnen Wohlgesonnene und durch eigene Anstrengung und Willenskraft – müssen sie dennoch umso härter kämpfen, um ihre Stellung innerhalb der gebildeten Mittelklasse zu festigen. Dieser Kampf kostet sie so viel Energie, daß sich ihnen die Frage, was sie ihrerseits der Gesellschaft zurückgeben können, kaum stellt. Innerhalb meines Freundeskreises von gebildeten Santals ist ein solches Karrieredenken weitgehend ausgeblieben. Nachdem sie studiert und selbst eine Familie gegründet hatten, fingen sie an, zurückzublicken und sich der Weiterentwicklung ihrer Santal-Gemeinschaft zu widmen. Dies bedeutete den Verzicht auf Prestige und Geld durch eine Karriere als Regierungsbeamte, die ihnen allen offengestanden hätte.

Es ist richtig, daß ich mich, neben anderen Gründen, zu meinen Santal-Freunden hingezogen fühlte, weil sie – wie ich – keine Position in der bengalischen Gesellschaft hatten. Dies war eine starke gemeinsame Basis. Mittlerweile ist unser pädagogisches Experiment in Bengalen bekannt und anerkannt, und meine jungen Santal-Freunde erfahren ein Maß an Respekt und Wertschätzung, das sie als beamtete Lehrer und Verwaltungsleute niemals erlangt hätten. Und ironischerweise wird mein Name nun in Bengalen mehr erwähnt als der „Pate“ des Ghosaldanga- und Bishnubati-Experiments denn als Schriftsteller und Übersetzer.

Dennoch betone ich, daß es für mich, ebenso wie für meine Santal-Freunde, ein Vorteil gewesen ist, in der bengalischen Gesellschaft „ohne Stellung“ zu sein und um einen Platz in dieser Gesellschaft zu ringen. Durch dieses Ringen haben sie und ich unseren eigentlichen Platz gefunden, erlangt durch eigene Verdienste – nicht durch die Familie, erlangt durch Verzicht – nicht durch Position. Es erfüllt einen mit viel größerer Befriedigung, wenn man einen solchen Kampf erfolgreich geführt hat.

 

Interkulturelles Leben hat nicht nur im Mittelpunkt meiner persönlichen Bemühungen in Ghosaldanga und Bishnubati gestanden. Es war auch ein Konzept innerhalb meiner Entwicklungsarbeit. Was aber hat die Begegnung von Kulturen mit der Entwicklung eines Santal-Dorfes zu tun? – so mag man fragen. Genügt es nicht, zu versuchen, ein Stammesdorf zu entwickeln durch den Zugang zu moderner Bildung und zeitgemäßen Fertigkeiten, zu Gesundheitsvorsorge, landwirtschaftlichem Fortschritt und Ähnlichem? Warum sollen interkulturelle Aktivitäten Teil solcher Entwicklungsbemühungen sein? Hier ist meine Antwort: Für ein Santal-Dorf ist die Befähigung zum interkulturellen Leben von entscheidender Bedeutung, wenn es danach strebt, sein Leben über die Dorfgrenzen hinaus auszuweiten. Jenseits des Santal-Dorfes gibt es Hindu- und Muslim-Dörfer; dort leben die Bauern, für die unsere Santal-Männer und -Frauen auf dem Feld und im Haushalt arbeiten. Von frühester Jugend an lernen die Santals, sich den Hierarchien von Kaste, Religion und Sozialstruktur anzupassen, die ihnen von außen auferlegt werden. Interkulturelles Leben bedeutet in ihrer Geschichte meist nur Abhängigkeit und Unterwerfung.

Aufgewachsen in einem westlichen Land, wollte ich meinen Santal-Freunden und den Dorfbewohnern allgemein in einer Haltung konsequenter Gleichheit begegnen. Ich lehnte alle Symbole und Gesten der Überlegenheit ab. Ich wollte ihnen als Individuen begegnen, wollte ihren Wert und ihren Charakter als Individuen verstehen. Da ich, wie schon erwähnt, keinen festen Platz in der Gesellschaft habe, wurde diese Annäherung ganz einfach akzeptiert. Ich wurde angenommen, wie ich erschien, weil ich bat, mich so anzunehmen. Anders gesagt, ich wurde auch als Individuum angenommen. Kann interkulturelles Leben für Santal-Dorfbewohner auch zu einer positiven, sie ermächtigenden Erfahrung werden? – Ja, das ist möglich: durch Bildung!

Ich glaube an die Notwendigkeit moderner Erziehung. Auf lange Sicht werden die Stammesgesellschaften eine zeitgemäße, moderne Bildung nicht umgehen können, wenn sie sowohl materiell als auch in ihrer Stammesidentität überleben wollen. Die entscheidende Frage dabei ist: Wie ist es möglich, daß die traditionelle Stammeskultur lebendig bleibt und sich doch gleichzeitig eine moderne Bildung verankern kann? – Meine Antwort lautet: Dies ist möglich, wenn wir gebildeten Santals mit Bedacht und tiefem Respekt vor ihrer kulturellen Identität, verschiedene Fenster zur Welt öffnen. Ich schlage einen dreigleisigen Zugang vor: 1. Moderne Bildung einführen; 2. den Santals den Wert ihrer eigenen Kultur bewußt machen und 3. besonders der Dorfjugend den Zugang zur weiteren Welt öffnen. An dieser Stelle muß ich Rabindranath Tagore ins Spiel bringen. Er wollte eine Bildung, die sich den segensreichen Einflüssen der ganzen Welt weit öffnete; er wollte seinen Schülern Inspiration vermitteln – kein Gedächtniswissen; er wollte Lehrer als Vorbilder – nicht als Vorgesetzte; er wollte, daß Kunst, Theater, Lieder und Tanz Teil der Ausbildung werden; seine Schüler sollten nicht einfach einen Kurs nach dem anderen absolvieren. Der Schlüssel zu meinem dritten Punkt liegt wirklich in Rabindranath Tagores umfassender Vision.

Seit Beginn meiner Dorfarbeit vor fünfundzwanzig Jahren schickte ich meine Santal-Freunde aus ihren Dörfern hinaus zu Menschen und an Orte, wo sie eine Art von Wissen und Inspiration erhalten konnten, die in ihrem eigenen Umfeld nicht zu erlangen waren. Sie gingen nach Kalkutta und Karnataka, um dort zu lernen, welche Ergebnisse mit sogenannter „nicht-formaler Bildung“[*] erzielt werden können. Sie wohnten bei Sozialarbeitern und Künstlern, in Hindu- und christlichen Ashrams und in Schulen. Dies waren sorgfältig gesteuerte Bemühungen, ihnen die Welt zu öffnen. Die Welt stürmte nicht auf sie ein und überwältigte oder verdarb sie. Bereichert von diesen Erfahrungen konnten meine Freunde diese Erfahrungen wieder in ihre praktische Arbeit in ihren eigenen Dörfern zurückfließen lassen. Mit jeder Reise wurde so ihr Einsatz für die Dorfarbeit und das dörfliche Leben aufgefrischt. Bis heute hat uns kein Einziger verlassen, um an den Orten zu arbeiten, die sie besucht hatten. Und diese Bemühungen gehen weiter. Viele meiner älteren Santal-Freunde haben Europa besucht, einige von ihnen schon drei- oder viermal. Sie haben in Schulen und vor verschiedenen Gruppen musiziert und getanzt, sie hatten Ausstellungen und nahmen an Kursen und Seminaren teil. Und dennoch arbeiten sie weiterhin für ihre Santal-Gemeinschaft in den Dörfern Bengalens.

Der nächste Schritt war, junge Menschen von „draußen“ zu einem Aufenthalt bei uns einzuladen. So kamen Freunde aus Kalkutta und Dhaka, aus Delhi und Südindien, aus Europa und Amerika zu uns. Wir hatten junge Freiwillige aus Europa, die ein, zwei oder drei Monate in Ghosaldanga oder Bishnubati verbrachten. Diese Freiwilligen sind der lebendige Beweis dafür, daß ein interkulturelles Leben nicht nur möglich ist, sondern auch beide Seiten bereichert, die Gäste wie auch die Gastgeber-Gemeinschaft. Unsere Gäste sorgen für eine enorme Steigerung des Selbstwertgefühls bei den jungen Lehrern und Sozialarbeitern in unseren Dörfern.

Für mich galt die Regel, daß mir die Verantwortlichen aus den verschiedenen Bereichen in ihrer Arbeit keine Rechenschaft schuldig sind. Rechenschaft schulden sie unserer Dorfversammlung und ihrem Gewissen. Ich halte nichts von bürokratischer Kontrolle, vielmehr möchte ich, daß die erwachsenen Teammitglieder ihrem Gewissen folgen und sich die Inspiration zunutze machen, die sie von unseren vielen Gästen erhalten.

Der kontinuierliche Austausch unseres Teams aus ausgebildeten Santal-Dorfführern mit Menschen von außerhalb hat ihnen die Gewißheit vermittelt, daß ihre Arbeit tatsächlich wichtig ist. Der Dialog mit den indischen und ausländischen Gästen bringt sie in einen Reflexionsprozeß über die Methoden und Ziele ihrer Arbeit. Darüber hinaus versetzt er sie in die Lage, nicht nur zu den Armen und Ungebildeten ihres Dorfes in Beziehung zu treten, sondern andererseits ihre Aktivitäten und Bedürfnisse auch den Spendern und Förderern in Europa verständlich zu machen. Die Korrespondenz und der Dialog mit unserem Freundeskreis in Deutschland und anderswo liegt nicht mehr in meinen, sondern in ihren Händen. Es geschieht höchst selten, daß Basisarbeiter in den Dörfern in der Lage sind, weit über ihr kulturelles Umfeld hinaus mit ausländischen Freunden und Hilfsorganisationen zu kommunizieren. Bei uns ist eine solche interkulturelle Weite zur Selbstverständlichkeit geworden.

Diese Form der Globalisierung durch menschlichen Austausch wird unterstützt durch die technischen Mittel einer globalisierten Kommunikation. Ghosaldanga und Bishnubati gehörten zu den ersten Dörfern in unserer Gegend, die einen Telefonanschluß bekamen. Wir haben uns sehr darum bemüht, eine Stromverbindung nach Ghosaldanga zu legen, vor allem damit unsere Schüler am Abend gutes Licht zum Lernen hatten. Als nächstes kauften wir einen Computer für unsere Dorf-Korrespondenz. Mittlerweile hat man uns eine drahtlose Internet-Verbindung zur Verfügung gestellt. Die meisten unserer Dorfmitarbeiter haben bereits ein Mobiltelefon. So werden wir, von unserem abgelegenen Santal-Dorf aus, zu Zeugen all der Lebenslinien, die sich weit entfernt von unseren Dörfern rund um den Globus ziehen. Und mittlerweile sind es gar nicht mehr so wenige Lebenslinien, die bereits durch unser eigenes Dorf laufen und uns mit der Welt verbinden.

Dieser Essay ist die deutsche Fassung eines Vortrags, den der Autor im Oktober 2007 am Goethe-Institut Dhaka (Bangladesh) gehalten hat. Aus dem Englischen von Henrike Rick.

 


[*] non-formal education.

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