Rundbrief 2018

Mitte Dezember 2018

Liebe Freunde,

jedes Jahr hat seine Abschlüsse sowie seine Rückkehr zu den frühen Jahren. Das Leben wird reicher und kostbarer. Vor wenigen Tagen habe ich siebzig Jahre abgeschlossen. Folgenden Ausspruch von Rodin an Matisse nehme ich in die verbleibenden Jahre mit:

Rodin sagte, es brauche ein Zusammenwirken außergewöhnlicher Umstände, einen Menschen 70 Jahre alt werden und ihn das Glück genießen zu lassen, mit Leidenschaft dem nachzugehen, was ihm gefällt. Wir sind Begünstigte, vergessen wir das nicht.

Dem Ehepaar Steinfordt aus Boppard verdanke ich diese zwei Sätze..

Abgeschlossen habe ich in zweijähriger Arbeit ein Buch über Rabindranath Tagores Pädagogik im Vergleich mit der Pädagogik des deutschen Erziehers Paul Geheeb, der mit seiner Frau Edith zunächst die Odenwaldschule und 1934 in die Schweiz die Ecole d’Humanité gegründet hat. Tagore und Geheeb trafen sich 1930. Die Ecole habe ich vor zwei Jahrzehnten zum ersten Mal besucht; dort hat Sanyasi Lohar, unser Künstlerfreund aus dem Santaldorf Bishnubati, dreimal ein Semester Kunst unterrichtet. Die letzten Forschungen zum Thema habe ich im Hessischen Staatsarchiv in Darmstadt betrieben. Seit letzten Monat liegt das Manuskript beim Verlag.

Dieses Buch konnte ich während meines Stipendiums in Shimla, der Himalaja-Stadt, schreiben. Dort wohnte ich bis Ende März; es waren außergewöhnlich beglückende anderthalb Jahre hoch in den Bergen, in der ruhigen, recht privilegierten Atmosphäre des Rashtrapati Niwas, der ehemaligen Residenz des britischen Vizekönigs, umgeben von zahlreichen lieben Menschen.

Im Sommer verbrachte ich länger in Deutschland als üblich, weil wieder eine Gruppe von vier Freunden aus Ghosaldanga und Bishnubati eingeladen worden war, in Deutschland in Schulen und für Erwachsene Programm mit dem Thema „Ein indisches Dorf stellt sich vor“ mit Tänzen Liedern, Gesprächen, einem Film zu veranstalten. Mein Part war, zu moderieren und die Kommunikation zwischen Gruppe und Publikum in dem ausdrücklich interaktiven Event herzustellen. Höhepunkt war das Fest zum zehnjährigen Bestehen des Freundeskreis Ghosaldanga und Bishnubati e.V in Frankfurt. Wie auch drei Jahre zuvor hat uns die Udo Keller Stiftung gesponsort. Die drei Wochen verliefen reibungslos und erfolgreich. Wer mehr erfahren will, lese meinen Bericht in der Dorfwebsite. Der Link ist: <http://www.dorfentwicklung-indien.de/fileadmin/Infos/10-Jahre-Jubilaeum/Reise_mit_vier_Santals_durch_Deutschland.pdf>

Doch kaum waren die Freunde abgereist, sie flogen noch, bekam ich einen enormen Hexenschuß. Die Anstrengung für die lange Vorbereitung und die intensive Durchführung war groß gewesen, was mir deutlich machte, dass dies meine letzte Gruppenreise in Deutschland gewesen ist. 1984 hatte ich damit begonnen.

Eine Rückkehr zu frühen Jahren war eine Reise nach Oshkosh in den USA. Mit 16-17 hatte ich dort als Stipendiat ein Jahr in der katholischen High School verbracht. Das ist gut fünfzig Jahre her. Die ehemaligen Klassenkameraden, vor allem Mark Thompson, drängten mich, noch einmal zu einem Treffen zu kommen. Eine knappe Woche blieb ich, besuchte vorher meinen Pianisten-Freund Robert Jordan und einen indischen Freund in Washington/Baltimore. Das Klassentreffen  zeigte mir, wie unterschiedlich die Wege von Menschen sein können, obwohl sie einmal dieselbe intellektuelle und geistige Schulung erfahren haben. Ein Drittel der Klasse lebt nicht mehr, darunter sind drei gute Freunde von damals.

Für die FAZ und NZZ schreibe ich weiter, ebenso für The Statesman und The Telegraph in Indien, und dies tue ich mit Energie und Hingabe. Für mich ist es eine wesentliche Ebene des interkulturellen Austauschs, der Friedensarbeit. Doch insgesamt heisst es: reduzieren! Vorträge und Seminare nur, wenn es besondere Anlässe gibt. Auch Reisen schränke ich ein, was schwerer fällt. Im Februar besuchte ich Goa zum 80. Geburtstag von Sudhir Kakar; ich war in Bombay und Delhi zu Vorträgen, in Kalimpong zwei Wochen zu ruhiger Arbeit. In England besuchte ich Jeanne Openshaw und den schwerkranken William Radice. Zumindest arbeitet die deutliche Frage in meinem Kopf: Wohin soll ich noch fahren? Was soll ich noch tun?

Es gibt noch Bücher, die ich schreiben will. Zunächst den zweiten Band von Am Abend notiert. Der Verkauf meiner Bücher ist in Deutschland sehr zurückgegangen; ich frage mich, wie es weitergehen soll. Ein Witzebuch schreiben?? In Indien sieht es besser aus. Mein englisches Kinderbuch Together We are Strong! – für das ich noch keinen deutschsprachigen Verlag habe, das ich aber so liebe – erscheint in Übersetzungen in Bengalisch und Hindi. Meine Essays und Vorträge kommen gesammelt als Buch heraus, in Bengalisch und auf Englisch.

In Indien wie in Europa habe ich neue Freunde gewonnen, Freundschaften sind wesentlicher geworden; das macht mich selig. Meine Grundstimmung ist Dankbarkeit. Mit ihr stehe ich jeden Morgen auf! Zu Weihnachten und zum neuen Jahr grüßt euch / Sie alle – Martin (Kämpchen)

martin.kaempchen2013@gmail.com                                              www.martin-kaempchen.com

www.dorfentwicklung-indien.de

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